Auf der ersten Tagung sowie in dem aus dieser Tagung hervorgegangenen, von Habbo Knoch und Daniel Morat herausgegebenen Sammelband „Kommunikation als Beobachtung: Medienwandel und Gesellschaftsbilder 1880-1960” wurde ein doppelter Ansatz zur Neukonzeptionalisierung der Gesellschafts- als Medien- und Kommunikationsgeschichte verfolgt: Erstens wurde methodologisch das Programm einer „historischen Kommunikologie“ entwickelt, mit deren Hilfe zweitens der Zeitraum von 1880 bis 1960 als „massenmediale Sattelzeit“ beschrieben werden konnte. Die historische Kommunikologie stellt dabei eine medienarchäologisch informierte Untersuchung der Prozesse dar, in denen sich jeweils neue Medien in Gesellschaften einschreiben und in denen Gesellschaften diese medialen Einschreibungen sozial verarbeiten und reflektieren. Sie behandelt somit gleichermaßen die Ebene der medientechnischen Entwicklung, der sozialen und politischen Kommunikationsverhältnisse und der diese Ebenen in eine Beziehung setzenden Selbstthematisierungen. Durch die gleichzeitige Betrachtung dieser drei Ebenen lässt sich erkennen, dass die Etablierung einer medialen Massenöffentlichkeit in der langen Jahrhundertwende um 1900 nicht allein eine Medienevolution darstellte, sondern einen gesamtgesellschaftlichen Transformationsprozeß, der moderne Gesellschaften zu selbstreferentiellen Mediengesellschaften machte.
Auf der zweiten Tagung sowie im von Moritz Föllmer herausgegebenen Sammelband „Sehnsucht nach Nähe: Interpersonale Kommunikation in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert” wurde die kommunikologische Betrachtung moderner Massenmedialität durch die Untersuchung interpersonaler Kommunikationsverhältnisse ergänzt. Dabei wurden unterschiedliche Theorieangebote (von Erving Goffman, Anthony Giddens u.a.) daraufhin diskutiert, inwieweit sie eine Verbindung von mikrohistorischer Rekonstruktion und Einordnung in größere Entwicklungen erlauben. Es zeigte sich, dass die Kommunikation zwischen Personen nicht bloß im Zentrum der „face-to-face society“ (Peter Laslett) stand, sondern wesentlich an der Gestaltung der modernen Welt beteiligt war und ist. Sie prägte das Verhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit und damit auch soziale Beziehungen und Politik. In Deutschland war die Sehnsucht, in einer modernen Welt die Überschaubarkeit kommunikativer Näheverhältnisse zu bewahren, besonders verbreitet und deshalb brisant, weil sie lange Zeit nicht von einer demokratischen Kultur aufgefangen werden konnte.
Auf der dritten Tagung wurde schließlich nach dem
Verhältnis von Kommunikation und Raum gefragt. Eine von
Alexander C.T. Geppert, Uffa Jensen und Jörn Weinhold
herausgegebene Tagungspublikation mit dem Titel
„Ortsgespräche: Raum und Kommunikation im 19. und
20. Jahrhundert” erschien 2005. Der interdisziplinär
organisierte Band bereitet Theorie- und Wissensangebote aus
verschiedenen Nachbardisziplinen für historiographische Zwecke
auf und lotet zugleich anhand unterschiedlicher Fallstudien das
Verhältnis von Raum und Kommunikation im 19. und 20.
Jahrhundert aus. Dabei steht nichts weniger als die Eignung von Raum
als Zentralkategorie für eine neu zu konzipierende
Kommunikationsgeschichte der Gesellschaft zur Disposition.
Ansprechpartner: Habbo Knoch und Daniel Morat