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Kommunikation als Beobachtung - Beobachtung von
Kommunikation: Wechselwirkungen von Medientheorien und kommunikativen
Praktiken in der „kommunikologischen Sattelzeit“, 1880 - 1960
Göttingen, 22.-24. März 2001
Organisation: Habbo Knoch und Daniel Morat.
Gefördert durch die Fritz Thyssen Stiftung
Konzeption
Eine Gesellschaftsgeschichte des „langen“ 20.
Jahrhunderts ist längst nicht mehr ohne die Einbeziehung der
Massenmedialisierung, des „zweiten Strukturwandels der
Öffentlichkeit“ (Bernd Weisbrod) im Zusammenhang der
Fundamentaldemokratisierung und von historischen Medien- und
Kommunikationstheorien zu schreiben. Doch gibt es bislang nur
Ansätze einer historischen Kommunikationsforschung, die das
Verhältnis zwischen Kommunikationsprozessen,
Öffentlichkeit und Medienentwicklung historisch untersucht und
mit der Repräsentation dieser Beziehungen in Medientheorien in
Beziehung setzt. Die Tagung setzt sich zum Ziel, die Wechselwirkungen
zwischen der (selbstreflexiven) Theoretisierung von Kommunikation und
der Praxis von Kommunikations- und Beobachtungsphänomenen im
Kontext der massenmedialen Expansion und ihrer Auswirkungen zu
untersuchen.
Die Historizität von Medien- und
Kommunikationsverhältnissen ist auch die ihrer Leitkonzepte,
Theorien und Beobachtungsformen. Vor dem Hintergrund des -
begriffsinflationären und von Theorieversatzstücken
geprägten - Medien- und Kommunikationsbooms sollen
auf der Tagung Leitbegriffe der historischen Medien- und
Kommunikationsforschung historisiert, Medientheorien mit dem
medienhistorischen Kontext ihrer Entstehung in Bezug gesetzt und die
Veränderung von Beobachtungsmethoden von Kommunikation selbst
als Teil von historischen Kommunikationsprozessen und
-situationen untersucht werden. Dabei soll leitend nach dem
wechselseitigen Bezug der Theorien zur „Materialität
der Medien“ in der Beobachtung von Kommunikation und der
Medialität von Medien- und Kommunikationstheorien gefragt
werden.
Der zeitliche Rahmen wird durch die Überlegung gesteckt,
daß sich zwischen 1880 und 1960 (vielleicht aber auch
darüber hinaus) möglicherweise eine
„Sattelzeit der historischen Kommunikologie“
ausmachen läßt, eine Phase also, in der sich
- bedingt durch eine Verschränkung aus
massenmedialer Revolution, wissenschaftlichen Paradigmenwechseln und
deren praktischer Generierung - Begriffe, Konzepte und
Beobachtungsformen grundlegend verändern.
Gegenstandsbereiche dieses Zugangs sollen sein:
- 1. Leitkonzepte des medienhistorischen Diskurses wie Kommunikation,
Öffentlichkeit oder Information unterliegen nicht nur
begriffs- und konzepthistorischen Veränderungen, sondern sind
selbst durch die Veränderung medialer Strukturen
geprägt. Hierbei ist über explizite Medientheorien
hinaus insbesondere an das wechselseitige Verhältnis medialer
Veränderungen und philosophischer, soziologischer oder
psychologischer Konzeptbildungen (unter anderem Speichermedien oder
Gedächtniskonzepte) zu denken.
- 2. Medientheorien sind selbst Medienphänomene. Ihre
Wirkungsgeschichte ist eng an die zeitgenössischen
Medienbedingungen geknüpft. Aber bereits in den Theorien und
Konzepten sind Annahmen über die jeweiligen
Kommunikationssituationen enthalten. Diesem Aspekt der
„inneren Medialität“ von Medien- und
Kommunikationstheorien soll - statt einer klassischen
Rezeptionsgeschichte - größere
Aufmerksamkeit gewidmet werden.
- 3. Die Beobachtung von Kommunikation ist Teil von
Kommunikationsprozessen, nimmt auf sie Bezug, reflektiert sie und
speist Kommunikationsverständnisse in den
Kommunikationsprozeß zurück. Medientheroetische
Konzepte sind als Teil solcher Kommunikationssituationen und deren
generativer Kraft (unter anderem Wahlkämpfe, Werbung oder
Meinungsforschung) zu sehen. Umgekehrt ist die theoriegenerierende
Wirkung von Kommunikationsprozessen einzubeziehen.
Eine Fülle von Fragen lassen sich unter diesen Gesichtspunkten
diskutieren: Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem zweiten
„Strukturwandel der Öffentlichkeit“ und
der Fundamentaldemokratisierung? Wie hängen
„kommunikologische Sattelzeit“ und
Massenmedialisierung zusammen? Welche Rolle spielen hierbei
Veränderungen von Kommunikationsverhältnissen und
ihre (gesellschaftskritische) Wahrnehmung? Wann beginnt eine
theroretische Erfassung der medialen und kommunikativen
Verhältnisse und wie verhält sie sich zur
Selbstreflexivität des „common sense“?
Welche Medien werden überhaupt zum Gegenstand von
Medientheorien? Wie verändert sich - etwa im Blick
auf die Theorien von Simmel oder Luhmann - das
Verständnis von Medium und Medialität unter dem
Eindruck der „Kommunikationsrevolution“ des 19. und
20. Jahrhunderts? Wie sehr sind Medientheorien durch die
Massenmedialisierung geprägt? Welche Auswirkungen haben sie
auf die Massenmedialisierung gehabt? Wie verhalten sich Medientheorien,
Gesellschaftsbilder und soziale Realität zueinander? Welchen
Anspruch hinsichtlich der Erklärung sozialer
Phänomene haben Medientheorien? Inwieweit gehen in
Medientheorien Beobachtungen von kommunikativen Praktiken ein?
Inwieweit sind Medientheorien durch kommunikative, also soziale
Praktiken bedingt? Ist Selbstreflexivität in der
Medialisierung - die Theoretisierung von sozialen
Phänomenen - ein Signum für eine
„kommunikologische Sattelzeit“? Welchen Status hat
die „Beobachtung“ sozialer Phänomene und
ihre Theoretisierung für das Selbstverständnis der
Gesellschaften des 20. Jahrhunderts?
Daß es bislang in der Geschichtswissenschaft -
weder in der historischen Sozialwissenschaft noch in der klassischen
Mediengeschichte - keine verläßlichen
Antworten auf diese Fragen gibt, macht den Sinn einer entsprechenden
Tagung deutlich. Dabei ist die Einbeziehung von Fachleuten anderer
Disziplinen (insbesondere Medien- und Literaturwissenschaft) ebenso
unverzichtbar wie der Import von und die kritische Auseinandersetzung
mit Theorien anderer Wissenschaftsrichtungen, was von den referierenden
Historikern geleistet werden wird.
Programm
Begrüßung
Habbo Knoch (Göttingen)
1. Die Medialität des Wissens – Perspektiven der Medien- und Kommunikationsgeschichte
Wolfgang Ernst (Berlin, z.Zt. Paderborn)
Die Medienarchäologie des Wissens
Kommentar/Moderation: Daniel Morat (Göttingen)
2. Massenmedien und die Politisierung des Beobachtens im 19. Jahrhundert
Frank Möller (Frankfurt/Main)
Das Bild des Politikers: Karikaturen in der Kommunikationsrevolution
1848/49
Uffa Jensen (Berlin)
Die Macht des Flüchtigen: Die Pamphlete zur
“Judenfrage” und die bildungsbürgerliche
Kritik öffentlicher Kommunikation während des
frühen Kaiserreiches
Kommentar/Moderation: Thorsten Wagner (Berlin)
3. Die Medialisierung von Produkten als kommunikative Praxis
Alexander C.T. Geppert (Florenz)
Die normative Kraft des Flüchtigen: Europäische
Ausstellungen als kommunizierende Welten, 1870-1930
Andreas Mai (Leipzig)
Selbstreferentielle Systeme: Inserate, Inserenten und Werbestrategien
von ”Ferien”-Orten im 19. Jahrhundert
Kommentar/Moderation: Nina Verheyen (Berlin)
Rainer Gries (Leipzig)
Produkte als Medien: Überlegungen zu einer Kulturgeschichte
von Produktkommunikationen
Kommentar/Moderation: Thomas Mergel (Bochum)
4. Medientheorien und die Medialisierung der Sinne in den zwanziger
Jahren
Detlev Schoettker (Dresden)
Von der Philosophie der medialen Welt zur Theorie der Massenmedien:
Entstehung, Transformation und Rezeption der Medientheorien von
Benjamin, Kracauer und Arnheim
Daniel Morat (Göttingen)
Die doppelte Distanz des Betrachters: Medientheorien von Benjamin,
Jünger und Kracauer in den zwanziger Jahren
Habbo Knoch (Göttingen)
Der Verlust des Schweigens: Medientheorien und die Revolution des
Hörens in den zwanziger und dreißiger Jahren
Kommentar/Moderation: Alexa Geisthövel (Berlin)
5. Die Kommunikation des Sozialen und die
Verwissenschaftlichung des Beobachtens
Paul Nolte (Bielefeld)
Die Selbstbeobachtung des Sozialen: Soziologie als
Beobachtungswissenschaft im Jahrhundert der modernen Massenmedien
Kommentar/Moderation: Moritz Föllmer (Berlin)
Frank Bösch (Göttingen)
Das Politische als Produkt: Wählerbeobachtung und
Wahlstrategien der ”Volksparteien” in den
fünfziger Jahren
Till Koessler (Bochum)
Die beobachtete Partei: Innerparteiliche Kommunikation und das Medium
der Macht in der SED/KPD 1945-1960
Kommentar/Moderation: Annette Vowinckel (Berlin)
6. Selbstbeobachtung in der Medien- und Kommunikationsgeschichte
Schlußdiskussion
Moderation: Habbo Knoch/Daniel Morat (beide Göttingen)
Tagungsbericht
An der Schwelle zu einem neuen
„Informationszeitalter“ haben
medienwissenschaftliche Bemühungen und Medientheorien
Konjunktur, die nicht selten von historischen Interpretationen ausgehen
und historische Medientheorien – etwa von Walter Benjamin
oder Siegfried Kracauer – auf gegenwärtige Medien-
und Kommunikationsverhältnisse übertragen. Damit
gehen häufig Verkürzungen einher, die insbesondere
mit der Entkontextualisierung von Medien und zeitgenössischen
Medientheorien zu tun haben. Medien sind jedoch gegenwärtig
wie historisch ebenso Produkte sozialer Praktiken wie sie
Kommunikationsverhältnisse ihrerseits ändern,
Medientheorien entstammen Feldern zeitgenössischer
Auseinandersetzungen darüber, wie Medien Wahrnehmungs- und
Kommunikationsmodi verändern, und die Kommunikation der
Beobachtung solcher Medien- und Kommunikationsverhältnisse
geht selbst in diese ein. Das läßt nach spezifisch
historischen Zusammenhängen von Kommunikationsbeobachtungen
und Beobachtungskommunikationen fragen, die auf ihren Anteil an der
Etablierung und diskursiven Einbettung von Medien hin zu untersuchen
sind.
Vor diesem Hintegrund verfolgte die vom 22. bis 24. März in
Göttingen veranstaltete Tagung „Kommunikation von
Beobachtung – Beobachtung von Kommunikation“ drei
Ziele: Erstens sollten an Beispielen aus dem 19. und 20. Jahrhundert
Methoden für eine Integration der Kommunikations- und
Mediengeschichte in die historische Kulturwissenschaft diskutiert
werden. Zweitens ging es um die Frage, ob die „lange
Jahrhundertwende“ zwischen 1880 und 1960, die mit der
Etablierung eines Verbunds diversifizierter Massenmedien
zusammenfällt, als Zeitraum einer
„kommunikologischen Sattelzeit“ periodisierbar ist.
Drittens galt das Augenmerk der wechselseitigen Verflechtung von
Theoretisierung, Beobachtung und Aneignung von
Medienverhältnissen und ihrer Veränderung in diesem
Zeitraum als einem besonderen Merkmal der „kommunikologischen
Sattelzeit“. Mit dieser Tagung setzte der ausrichtende, seit
fünf Jahren bestehende „Arbeitskreis für
Geschichte und Theorie“, der Habilitand/inn/en und
Doktorand/inn/en mehrerer deutscher Geschichtsfakultäten
umfaßt, seine internen Bemühungen um eine
Historisierung von Kommunikationsverhältnissen fort. Sie ist
mittelfristiger Arbeitsschwerpunkt, der in weiteren Tagungen ausgebaut
werden soll.
Die Tagung wurde mit einem Beitrag von Wolfgang Ernst
(Berlin/Paderborn) eröffnet, der sein Konzept der
„Medienarchäologie“ vorstellte und von
einer Medien- und Kommunikationsgeschichte als medienpolitischer oder
hermeneutischer Historiographie abgrenzte (I). Dem folgten vier
thematische Sektionen: (II) Massenmedien und die Politisierung des
Beobachtens im 19. Jahrhundert mit Vorträgen von Frank
Möller (Jena) zum Bild des Politikers Heinrich von Gagern in
Karikaturen der Revolution von 1848/49 und von Uffa Jensen (Berlin) zu
Pamphleten als spezifischem Medium für den
bildungsbürgerlichen Antisemitismus des Kaiserreiches; (III)
Medialisierung von Produkten als kommunikative Praxis mit
Beiträgen von Alexander C.T. Geppert (Florenz) zu
europäischen Ausstellungen zwischen 1870 und 1930 als
„kommunizierenden Welten“, von Andreas Mai
(Leipzig) zur Funktion von Inseraten für die mediale
Konstruktion von Ferienorten im 19. Jahrhundert und von Rainer Gries
(Leipzig) mit einem Modell zur konzeptionellen Erfassung von Produkten
als Medien; (IV) Medientheorien und die Medialisierung der Sinne in den
zwanziger Jahren mit Papieren von Detlev Schöttker (Dresden)
zur Entstehung der Medientheorien Arnheims, Benjamins und Kracauers im
Exil und deren konzeptionellen Bezügen, von Daniel Morat
(Göttingen) zum intellektuellen Wahrnehungsmodus der
„optischen Distanznahme“ in den Medientheorien von
Benjamin, Jünger und Kracauer und von Habbo Knoch
(Göttingen) zur zeitgenössischen Wahrnehmung des
Radio-Hörens in den zwanziger Jahren; (V) Kommunikation des
Sozialen und die Verwissenschaftlichung des Beobachtens mit
Beiträgen von Paul Nolte (Bielefeld) zur medialen
Präsenz der Soziologie als Beobachtungswissenschaft in den
fünfziger Jahren, von Frank Bösch
(Göttingen) zur Professionalisierung von Wahlkampf und
Wählerbeobachtung in der CDU bis Anfang der sechziger Jahre
und von Till Kössler (Bochum) zu den Selbstreferenzen und Modi
der innerparteilichen Kommunikation der KPD zwischen 1945 und 1960. In
einer Schlußdiskussion ging es um die
„kommunikologische Sattelzeit“ als
Periodisierungsangebot (VI).
I. In seinem bewußt als „Provokation“
angelegten Beitrag stellte Ernst seinen Ansatz der
Medienarchäologie vor. Er ging dabei von zwei
Prämissen aus: Die Geschichtsschreibung habe ihre
„essentielle Nachträglichkeit“ zum
Geschehen selbst seit dem 19. Jahrhundert durch narrative
Gedächtnis- und Erzählformen kompensiert, die den
Blick für Diskontinuitäten und parallele Prozesse
(u.a. Erzählung vs. Archiv) verstellt hätten. Dies
sei mit der Monopolisierung eines hermeneutischen Blicks
einhergegangen, der bis heute auch in der historischen
Medienwissenschaft, etwa bei den Cultural Studies, üblich sei.
Dagegen wende sich die Medienarchäologie konsequent der
„technischen Logik“ von Medien zu, die
nicht-diskursiv sei und auch nicht aus der anthropologischen
Perspektive nachvollzogen werden könne.
Ernsts Feststellung, dieser nicht-inhaltistische Zugriff trenne die
„wohldefinierte Medienwissenschaft“, wie er sie
versteht, von der hermeneutisch operierenden Kommunikationsgeschichte,
bildete mit der darin enthaltenen Frage nach dem Medienbegriff einen
Leitfaden der weiteren Tagung: Bedarf es eines engen Begriffs von
Medien, der allein auf ihre technische Seite abhebt, die hinreichend in
ihrer Innovationsphase erkannt werden kann, bevor das Medium zum
„Programm“ wird? Sind Medien andererseits ohne die
mit ihnen verbundenen Diskurse überhaupt beschreibbar? Ernst
forderte eine über das hermeneutische Vokabular hinausgehende
Sprache, in der sich die nicht-diskursiven Eigenschaften und
Eigenmächtigkeiten der Medien ausdrücken
ließen. Allerdings blieb unklar und ein wiederkehrender
Diskussionspunkt der Tagung, wie dieses Modell umgesetzt und in die
notwendigerweise diskursive Geschichtswissenschaft
rückgekoppelt werden könnte. Damit stellte sich auch
die Frage, ob die technizistische Analysesprache nicht selbst
historisch ist und historisiert werden muß, womit die strikte
Trennung zwischen hermeneutischem und technizistischem Zugang
aufgehoben wäre.
II. In den Beiträgen von Möller und Jensen kamen zwei
unterschiedliche Ansätze im Umgang mit Medien am Beispiel
zweier klassischer Printmedien und deren Verwendung im 19. Jahrhundert
zum Ausdruck. Möller analysierte die Karikaturen als
„Spiegel“ der öffentlichen Meinung
über von Gagern und interpretierte sie als Teil einer
charismatischen Aufladung des Politikers in der
Revolutionsöffentlichkeit. Die große Verbreitung und
rasche Produzierbarkeit der Karikaturen trugen, so Möller,
erheblich zur Personalisierung der Nationalversammlung und zur
öffentlichen Manifestierung von charakterlichen Zuschreibungen
im Falle von Gagerns bei, wobei sich dies sogar an den deutlich
selteneren kritischen Karikaturen erkennen lasse. Charismatische
Eigenschaften seien in von Gagerns Fall als Produkt eines
Kommunikationssystems zu erkennen, in dem die Karikaturen einen
breiten, über die politischen Lager hinweg geteilten
ikonographischen Kanon bereitstellten.
Jensen widmete hingegen dem Medium selbst mehr Aufmerksamkeit und sah
in der Tatsache, daß der bildungsbürgerliche
Antisemitismus im Kaiserreich sich insbesondere des Pamphlets bediente,
einen Ausdruck der kulturellen Verunsicherung des Bürgertums.
Es habe seine Deutungshoheit durch die Wahrnehmung eines wachsenden
jüdischen Einflusses auf die Medien gefährdet gesehen
und das Pamphlet als unabhängiges, schnelles und polemisches
Medium genutzt, um mit Hilfe der „Judenfrage“ die
vermeintliche Führungsstellung im öffentlichen
Kommunikationsraum zurückzugewinnen.
Beide Vorträge riefen Fragen nach den jeweiligen
Gebrauchsweisen der Karikaturen und Pamphlete hervor, die insbesondere
im Falle der Karikaturen erst hinreichend Aufschluß
darüber geben könnten, ob sich die Bildelemente auch
zeitgenössisch zu einem charismatischen Eindruck einer Person
verdichteten. Die unterschiedlichen Fälle zeigten,
daß sich zwar ein hohes Maß an
Intertextualität und Intervisualität, aber nur wenig
Reflexion auf die Eigenschaften des Mediums selbst oder gar eine
Theoretisierung derselben feststellen läßt. Diese
medienimmanten Beobachtungsdynamik hat nicht zuletzt mit der
medieneigenen Entstehungs- und Verbreitungsgeschwindigkeit zu tun. Im
Hinblick auf die „kommunikologische Sattelzeit“ kam
wegen der Printmedienentwicklung im 19. Jahrhundert Zweifel daran auf,
ob sich bereits die Mediensituation von 1848/49 als
„Kommunikationsrevolution“ bezeichnen
läßt und die Politiker-Karikaturen nicht gerade
Ausweis eines bürgerlichen Kommunikatonsraumes waren.
Andererseits ließen die Verwendungsformen der Pamphlete noch
wenig Anhaltspunkte für eine grundlegende Veränderung
der medialen Kommunikationsverhältnisse erkennen, eben weil
die „Judenfrage“ primär in einem, zumal
noch bildungsbürgerlich begrenzten Medium und nicht etwa in
einem Medienverbund mit einer „zerstreuten
Öffentlichkeit“ diskutiert wurde.
III. Der Funktion von Medien für die Erzeugung und
Kommunikation von Vorstellungen waren die Vorträge von
Geppert, Mai und Gries gewidmet. Geppert vermochte zu zeigen, wie die
zahlreichen Welt-, Kolonial- und Gewerbeausstellungen seit Mitte des
19. Jahrhunderts zu Produkten ihrer eigenen Form wurden, die kaum und
wenn, dann nur graduelle Veränderungen zuließen.
Gleichzeitig aber kam es zu einer dichten Selbst- und Fremdreflexion in
der Beobachtung der Ausstellungen, die sie als Symptom und
Manifestation gesellschaftlicher Entwicklungen deuteten und selbst
wiederum das „Dispositiv“ der Ausstellung medial
verstärkten. Mehr auf die kommunizierten Vorstellungen selbst
ging Mai ein, der anhand von Werbeinseraten für Ferienziele
und Ferienwohnungen in „Sommerfrischen“ des 19.
Jahrhunderts deutlich machte, wie sich das veränderte
Nutzerverhalten mit zum Beispiel kürzerer Verweildauer und
größeren Besucherzahlen auf die Werbestrategien
auswirkte. Es kam zu einer ausführlicheren Beschreibung der
Angebote und zu einer Standardisierung der Inseratsformen, in denen
sich die Erwartungen der Gäste und das Vertrauensangebot der
Vermieter in wechselseitiger Beobachtung niederschlugen. Gries stellte
schließlich ein Modell vor, daß vor dem Hintergrund
der Veränderung in Konsum- und Werbepraxis Produkte als Medien
beschrieb, die diesen besonderen Status spätestens in den
sechziger Jahren eingenommen hätten. Im Produkt als Medium
fielen nun Materialität, Zeichencharakter und
Medialität zusammen. Nur so ließe sich die
„lange Dauer“ von Produktmarken über ihre
materiellen Veränderungen hinaus erklären.
Alle drei Beiträge machten deutlich, von welcher Bedeutung
zirkulare Prozesse für die Kommunikation von
„Produkten“ – Ausstellungen,
Ferienwohnungen oder Konsumgütern – sind und welche
Rolle dabei Wahrnehmungen und der Beobachtung von Wahrnehmungen und den
mit ihnen vorhandenen Bedürfnissen zukommt. Die
Theoretisierung bewegte sich dabei historisch auf unterschiedlichen
Niveaus, in denen sich die Spezifik der einzelnen Medien (mehr bei den
resonanzheischenden Ausstellungen, weniger beim Massenprodukt Inserat)
und die Verwissenschaftlichung im Zeitraum der
„kommunikologischen Sattelzeit“
niederschlägt. Gleichzeitig waren alle Vorträge eine
Herausforderung der klassischen Mediengeschichte, die in der Regel von
einem engen, auf die klassischen Massenkommunikationsmedien
bezogenen Medienbegriff ausgeht. Nur unzureichend deutlich
wurde die spezifische und zu historisierende Beziehung zwischen der
Materialität der Medien und der Sinnlichkeit der jeweiligen
Produkte und ihrer Medialisierung. Ausstellungen, Inserate und
beworbene Produkte sind für die entstehende Massengesellschaft
zentrale Medien einer an die Nutzer rückgekoppelten Produktion
von moderner Sinnlichkeit, die auf der Suggestion einer authentischen
Anmutungsqualität des Produkts beruht.
IV. Die Medialisierung der Sinne erwies sich als ein Band zwischen den
Texten von Schöttker, Morat und Knoch, die der Medienreflexion
und den Medientheorien der zwanziger und dreißiger Jahren
gewidmet waren. Schöttker konnte zeigen, daß die
Medientheorien von Arnheim, Benjamin und Kracauer im intellektuellen
Feld des Exils breiter zu verorten sind und Kooperationen oder
Konflikte zwischen Arnheim und Lazarsfeld, Adorno und Benjamin oder
Kracauer und Panofsky der vermeintlichen Einheit einer kritischen
Mediensoziologie ein sehr viel differenzierteres Gesicht geben, was
sich etwa an den fundamental verschiedenen Filmtheorien von Arnheim und
Kracauer zeigen lasse. Morat arbeitete den intellektuellen
Wahrnehmungsmodus der „optischen Distanznahme“, der
Sehen und Dabeisein vom Erleben und Empfinden trennt und einem modernen
Wahrnehmungsmuster von Medien entspricht, als Gemeinsamkeit von
Benjamin, Kracauer und Ernst Jünger und als zentrales Signum
der medientheoretischen Reflexion der Zeit heraus. Trotz der
unterschiedlichen politischen Konsequenzen manifestiere sich in diesem
Modus eine gemeinsame, durch Reizüberflutung gekennzeichnete
Wahrnehmungserfahrung, die als „innere
Medialität“ den Medientheorien eingeschrieben sei.
Knoch deutete die intensive Auseinandersetzung mit dem Radio in den
zwanziger Jahren als Phänomen einer Reduktion kommunikativer
Komplexität, die durch die neuen
Kommunikationsmöglichkeiten entstanden war. Beobachtungen und
Rezeptionsformen ließen sich unter der Suche nach
Authentizität und einem spezifisch
„Funkischen“ zusammenfassen, dessen
religiöse Überhöhung die so zerstreute wie
programmierte Volksgemeinschaft vorbereitete.
Die Beiträge zeigten, wie eng die reflexive Begleitung der
audiovisuellen Medienrevolution in den ersten Jahrzehnten des 20.
Jahrhunderts mit der Verarbeitung von Wahrnehmungen verbunden war.
Dahinter traten die Medien als technische Gegenstände oder die
Medienpolitik deutlich zurück. Allerdings konnte auch hier nur
ansatzweise gezeigt werden, ob sich die genannten Reflexionen
über die Transformation der Sinne auch außerhalb des
Kanons der bekannten Medientheoretiker finden lassen. Die Beobachtungen
der Medien waren zudem noch immanenter Bestandteil eines Kontroll- und
Entwicklungsdiskurses der Medien selbst, der sich noch nicht nach
wissenschaftlichen Kriterien selbst beobachtete.
V. Die zweite Nachkriegszeit bildete den zeitlichen Bezugsrahmen der
Beiträge von Nolte, Bösch und Kössler .
Ausgehend von Luhmanns Kommunikationstheorie zeigte Nolte, wie
insbesondere Adorno, Horkheimer, Schelsky und König ihre
empirische Soziologie als Grundlage eines zirkulierenden
Kommunikationsprozesses verstanden, in dem die kontrollierte
Beobachtung der Gesellschaft in ihren
Selbstverständigungsdiskurs zurückgespeist werden
mußte. Unter intensiver Nutzung des Rundfunks entwickelte
diese Strömung der westdeutschen Nachkriegssoziologie einen
ausgeprägt öffentlichen und interventionistischen
Charakter, in dem sich Wissenschaftler zugunsten der Wahrnehmung einer
öffentlichen Rolle über ihre eigenen Vorbehalte gegen
eine Popularisierung soziologischen Wissens hinwegsetzten.
Böschs Beitrag unterstrich die Bedeutung der zirkulierenden
Rückkopplung am Beispiel der Wahlkämpfe der CDU in
den fünfziger Jahren. Während und weil es nicht
gelang, eine der Regierung gegenüber loyale Presse zu
etablieren, gewann eine Außendarstellung an Gewicht, die sich
der Massenbeobachtungserkenntnisse der Werbung institutionell wie
methodisch bediente. Auch in Form der Demoskopie wurde die
Wählerbeobachtung somit früh zum integralen
Bestandteil einer Imagepolitik, die sich mehr an die
Lebenseinstellungen als an die politischen Überzeugungen der
Gesellschaft richtete. Der inneren Parteikommunikation wandte sich
Kössler am Beispiel der KPD zu. In der Situation einer
doppelten Außenbeobachtung durch die westdeutsche
Öffentlichkeit und die SED entfaltete sich in den
Parteigremien ein intensiver Selbstbeoachtungsapparat mit einem
entsprechenden Diskurs und wiederholten Reparaturmaßnahmen.
Diese beruhten auf der Annahme inhaltlicher Wahrheit, die nur anders
kommuniziert werden müsse. Das Ideal des
„panoptischen Blicks“ sollte der
Überwindung kommunikatorischer Defizite dienen,
beförderte letztlich aber nur die innerparteiliche Erstarrung
und Entfremdung.
An der Schnittstelle von Politik, Öffentlichkeit und
soziologischer Beobachtung entfaltete sich in den fünfziger
Jahren eine mehrschichtige Auseinandersetzung mit der Funktionsweise
moderner Massenkommunikation, auf die wiederum gezielt, wenn auch nicht
immer erfolgreich mit eigenen kommunikativen Strategien reagiert wurde.
Allerdings muß noch genauer gefragt werden, inwieweit diese
Rückkopplung von Kommunikationsbeobachtungen für die
fünfziger Jahre spezifisch war oder nicht bereits in der
NS-Zeit praktiziert wurde. Auch eine Übersystematisierung
dieser Beobachtungen von Kommunikation und der Umsetzung in
kommunikative Praktiken ist zu vermeiden, wie die zahlreichen Beispiele
pragmatischer Vorgehensweisen und konzeptioneller Irrwege zeigten.
VI. Die Schlußdiskussion machte deutlich, daß der
Begriff der „kommunikologischen Sattelzeit“ ein
reizvolles Angebot darstellt, um die Veränderungen der
Kommunikations- und Medienverhältnisse während der
„langen Jahrhundertwende“ zu fassen. Die zeitlichen
Ränder blieben, ausgehend von der Tagungseinteilung 1880 bis
1960, noch näher zu bestimmen. Aber es läßt
sich eine spezifische Verdichtung von medialen Innovationen, einer
massenhaften Verbreitung mit einer entsprechenden Ausweitung von
Zugangsmöglichkeiten und Zugehörigkeit, eine
Technifizierung der zeitlich direkten Kommunikation unter
Nichtanwesenden, eine immense Beschleunigung der Informationsweitergabe
bis hin zum Life-Prinzip und eine intensivierte Selbstbeobachtung
dieser Veränderungen feststellen.
Allerdings ist dieser Befund noch weiter zu präzisieren: Wie
läßt sich diese Verdichtung etwa mit dem in etwa
zeitgleichen Phänomen der „Verwissenschaftlichung
des Sozialen“ zusammenbringen? Wie verhält sich das
im Rahmen der Tagung weitgehend an deutschen Beispielen gewonnene Bild,
wenn man die Situation in anderen Ländern näher
betrachtet? Liegt der Theorieförmigkeit von Beobachtung und
der Suche nach ihr eine bestimmte intellektuelle Kultur zugrunde, die
sich etwa in den USA so nicht findet? Wie lassen sich Formen des
kulturellen Transfers hierbei näher bestimmen?
Methodisch ist dabei eine präzisere Bestimmung des Konzepts
der „Beobachtung“ erforderlich, das selbst
historisiert werden muß. Eine Herausforderung, die auf der
Tagung wiederholt aufschien, wird die genauere Bestimmung des
Verhältnisses von Medien und Kommunikation entlang der
unterschiedlichen Zugangsweisen – hermeneutisch oder
technizistisch – sein. Da Medien sich immer erst in der
Kommunikation realisieren, sind sie per se diskursive Objekte oder
selbst Produkte eines kommunikativen Beobachtungssystems. Als Medien
entwickeln sie jedoch aufgrund ihrer technischen Struktur eine
Eigendynamik, die sich möglicherweise der sprachlichen
Erfassung entzieht, für die Erklärung ihrer Genese
und Durchsetzung aber wesentlich ist. Die zeitgenössischen
Diskurse sind dementsprechend selbst auf das Verhältnis von
Sagbarem und Ungesagtem hin zu betrachten, worauf auch der
bezeichnenderweise mehrfach im Verlauf der Tagung verwendete Begriff
des „Flüchtigen“ hinweist. Medien- und
Kommunikationsgeschichte wird dadurch zur Spurensuche, die ihre eigene
Beobachterposition historisieren muß, um sich der
Verfertigung des Medialen in der Kommunikation annähern zu
können.
Habbo Knoch und
Daniel Morat (beide Göttingen)