XII
Austauschbeziehungen:
Interpersonale Kommunikation im 19. und 20. Jahrhundert
Göttingen, 28. Februar bis 2. März 2002
Organisation: Moritz Föllmer
Gefördert durch die ZEIT-Stiftung
I. Konzeption
Seit einigen Jahren gehört die Kommunikation zwischen Personen
zu den zentralen Themenfeldern der Kultur- und Sozialwissenschaften und
stößt auch in der Geschichtswissenschaft zunehmend
auf Interesse. Beziehungen zwischen Familienangehörigen,
Freunden oder Nachbarn, Gespräche und spontane
Zusammenkünfte erscheinen nicht mehr als invariante und
triviale, sondern als kulturell wie historisch relative und
gesellschaftlich höchst bedeutsame Phänomene. Seit
jeher privilegierte Gegenstände der Ethnologie und der
mikrohistorischen Frühneuzeitforschung, werden sie in letzter
Zeit auch für Historiker des 19. und 20. Jahrhunderts
attraktiv. Denn die Kommunikation zwischen Personen stand nicht
bloß im Zentrum der „face-to-face
society“ (Peter Laslett), sondern war und ist wesentlich an
der Gestaltung der modernen Welt beteiligt. Auf bestimmte
Kommunikationsformen und -stile werden etwa - ob zu Recht oder nicht -
die vergleichsweise schnelle Durchsetzung des Telefons in den USA, die
langjährige Dominanz Helmut Kohls in der CDU, die Probleme von
Unternehmensfusionen oder die Aneignung massenmedialer Angebote und
neuer Technologien in der Gegenwart zurückgeführt.
Neben aktuellen lebensweltlichen Umbrüchen und
Anstößen aus den Nachbarwissenschaften regt auch der
Diskussionsstand der Geschichtswissenschaft selbst zu einer
verstärkten Historisierung menschlicher
Verständigungsformen an. In letzter Zeit wird zunehmend
deutlich, daß Studien über Mythen und Symbole,
Stereotypen und konstruierte Identitäten auf die Dauer
unbefriedigend bleiben, wenn sie auf die Einbettung ihrer
Gegenstände in kommunikative Spannungsfelder verzichten.
Überhaupt steht nach der ersten Phase der Kulturgeschichte
eine Erweiterung ihres inhaltlichen und methodischen Spektrums an, die
es auch ermöglicht, Kategorien wie
„Gruppe“,
„Machtverhältnis“ oder
„Gesellschaft“ neu zu denken. Die Kommunikation
zwischen Personen stellt hierfür ein besonders
vielversprechendes Feld dar, sofern einerseits die Verbindungen zu
großräumigeren Fragestellungen und Prozessen
hergestellt und andererseits neben den positiven Aspekten auch die
Krisenanfälligkeit und das destruktive Potential
kommunikativer Beziehungen in den Blick genommen werden. Dazu gibt es
wichtige Anregungen und Vorarbeiten v.a. von Sozial- und
Alltagshistorikern, ohne daß diese bislang in einen
systematischen Zusammenhang gebracht und auf ihre Relevanz für
übergeordnete Probleme überprüft worden
wären.
Eine Historisierung interpersonaler Kommunikation im 19. und 20.
Jahrhundert wirft verschiedene Fragen auf: Auf welche theoretischen und
methodischen Angebote kann ein solches Vorhaben zurückgreifen?
Was gewinnt man, wenn man scheinbar heterogene Themenfelder wie etwa
die Ethnologie von Kommunikationstechnologien und das Innenleben von
Institutionen unter diesem Blickwinkel untersucht und systematisch
verknüpft? Läßt sich die Kommunikation
zwischen Personen in gängige Interpretationen und
Periodisierungen einordnen oder regt ihre Historisierung zu Revisionen
an? Welchen Ort nehmen in dieser Hinsicht die Krisen und
Umbrüche des 20. Jahrhunderts ein? Kann man wirklich von einem
Bedeutungsverlust physischer Anwesenheit und damit von einer
Modernisierung der interpersonalen Kommunikation sprechen? Und was
können Historiker zur Analyse und Einordnung des aktuellen
Wandels kommunikativer Beziehungen beitragen?
Auf der Tagung sollen diese Fragen anhand verschiedener Fallbeispiele
diskutiert werden. Im Mittelpunkt stehen dabei in thematischer Hinsicht
räumliche und institutionelle Orte interpersonaler
Kommunikation, Subjektivität und Krisenerfahrung sowie der
aktuelle Wandel kommunikativer Beziehungen durch das Internet. In
methodischer Hinsicht ist der Dialog zwischen Kulturgeschichte,
soziologisch orientierter Geschichtswissenschaft und
Europäischer Ethnologie zentral. Insbesondere stellt sich hier
die Frage, wie die Eigendynamik interpersonaler Kommunikation
konzeptionell in den Griff zu bekommen ist, die von der Frühen
Neuzeit bis zu den Diktaturen des 20. Jahrhunderts
vielfältigen Normierungs- und Kontrollversuchen unterworfen
war und sich ihnen andererseits immer wieder entzog.
Die Geschichte der interpersonalen Kommunikation im 19. und 20.
Jahrhundert ist – so die Ausgangshypothese - weniger als eine
Geschichte sich ablösender Modelle, sondern vielmehr als eine
Geschichte der Mischungsverhältnisse, Konflikte und
Verschiebungen zwischen verschiedenen Teilkulturen zu schreiben, in der
die Herauslösung von Kommunikationsbeziehungen aus ihrem Bezug
zu bestimmten Orten („disembedding“) und der Rekurs
auf persönliche Bindungen im sozialen Nahraum
(„reembedding“) oftmals parallel erfolgten. In
dieser Perspektive lassen sich v.a. zwei Umbruchsperioden ausmachen: In
den Jahrzehnten um 1900 wurde die spannungsreiche Koexistenz von
bürgerlichen und unterbürgerlichen
Kommunikationsformen durch die neue, von Georg Simmel richtungsweisend
interpretierte großstädtische Kultur erweitert, wenn
auch keineswegs aufgehoben. Die Einführung des Telefons und
die Expansion des Briefverkehrs im Ersten Weltkrieg sind weitere
Argumente für den Zäsurcharakter der
„langen Jahrhundertwende“. Einen zweiten epochalen
Umbruch stellt die Zeit seit den 1990er Jahren dar, in der die
Prägekraft bürgerlicher Normen zugunsten
„kommunikativer Fähigkeiten“
nachläßt, ein verstärkter
Rückgriff auf persönliche Beziehungen zu beobachten
ist, Handy und Internet eine enorme Interaktionsdynamik
ausgelöst haben und sich die Vielfalt von Teilkulturen noch
einmal und in besonders konfliktträchtiger Weise vermehrt. Ob
dieser Periodisierungsvorschlag einer Überprüfung
standhält, ist eine weitere Frage für die gemeinsame
Diskussion.
Programm
Begrüßung
Dr. des. Moritz Föllmer (Berlin)
I. KOMMUNIKATIONSRÄUME
Dr. Habbo Knoch (Göttingen)
Vertraute Fremdheit. Großstädtische Hotels als
Kommunikationsräume 1870-1930
Dr. Armin Owzar (Münster)
Kein Dialog, kein Konsens. Interpersonale Kommunikation in Deutschland
1870-1930
Kommentar/Moderation: Alexander C.T. Geppert, M.A. (Florenz/Wien)
II. BETRIEBSKOMMUNIKATION ZWISCHEN EXPERTENWISSEN UND EIGENSINN
Ruth Rosenberger , M.A. (Trier)
Unfreiwillige Kommunikationsexperten? Betriebspsychologen und
Unternehmenskommunikation in Westdeutschland 1945-1975
Götz Bachmann, M.A. (Berlin)
Am großen Tisch. Arbeitspausen im Kaufhaus
Kommentar/Moderation: Till Kössler, M.A. (Bochum)
III. ÖFFENTLICHKEIT UND AUTORITÄT
Tobias Kies , M.A. (Bielefeld)
Hörensagen. Gerüchte und lokale
Öffentlichkeit im 19. Jahrhundert
Kommentar/Moderation: Thorsten Wagner, M.A. (Berlin)
IV. INSTITUTIONEN UND POLITISCHE KOMMUNIKATION
Dr. Frank Bösch (Göttingen)
Macht und Integration. Der Parteivorstand als Kommunikationsraum
Kommentar/Moderation: Dr. des. Alexa Geisthövel (Bielefeld)
V. KOMMUNIKATIONSTECHNOLOGIEN
Anke Bahl, M.A. (Bonn/Frankfurt a.M.)
Stay connected. Identität und Kommunikation online
Kommentar/Moderation: Uffa Jensen, M.A. (Berlin)
VI. KOMMUNIKATION, SUBJEKTIVITÄT UND KRISENERFAHRUNG
Dr. des. Moritz Föllmer (Berlin)
„Goodbye diesem verfluchten Leben“.
Kommunikationskrise und Selbstmord in der Weimarer Republik
Daniel Morat, M.A. (Göttingen)
Kommunikation als Bewältigung biographischer Krisen:
Rechtsintellektuelle nach 1945
Kommentar/Moderation: Prof. Dr. Paul Nolte (Bremen)
SCHLUSSDISKUSSION
Moderation: Dr. des. Moritz Föllmer
Teilnehmerinnen und Teilnehmer
1. Prof. Dr. Peter Becker (Florenz)
2. Manuel Borutta, M.A. (Berlin)
3. Dr. Frank Bösch (Bochum)
4. Prof. Dr. Hanns-Georg Brose (Duisburg)
5. Prof. Dr. Christoph Conrad (Genf)
6. Carola Dietze (Göttingen)
7. Stefan Dusil, M.A. (Frankfurt am Main)
8. Pascal Eitler, M.A. (Bielefeld)
9. Dr. Hannah Feldhammer (Essen)
10. Dr. Moritz Föllmer (Berlin)
11. Dr. Alexa Geisthövel (Berlin)
12. Alexander C.T. Geppert, M.A. (Florenz/Essen)
13. PD Dr. Stefan Haas (Münster)
14. Dr. Andrea Hauser (Halle-Wittenberg)
15. Dr. Martina Heßler (München/Aachen)
16. Prof. Dr. Detlef Hoffmann (Osnabrück)
17. Christian Holtorf, M.A. (Dresden)
18. PD Dr. Alexander Honold (Berlin)
19. Uffa Jensen, M.A. (Berlin/Göttingen)
20. Dr. Wiebke Kolbe (Bielefeld)
21. PD Dr. Werner Konitzer (Hamburg)
22. Till Kössler, M.A. (Bochum)
23. Andreas Mai, M.A. (Leipzig)
24. Dr. Alexander Mejstrik (Wien)
25. Dr. Tanja Michalsky (Berlin)
26. Dr. Judith Miggelbrink (Leipzig)
27. Dr. Maren Möhring (Köln)
28. Daniel Morat, M.A. (Göttingen)
29. Philipp Müller (Florenz)
30. Vanessa Ogle (Berlin)
31. Dr. Anke Ortlepp (Köln)
32. Stefan Paul, M.A. (Bonn)
33. Katja Protte, M.A. (Berlin)
34. PD Dr. Alarich Rooch (Bremen)
35. Antje Schlottmann, M.A. (Jena)
36. Nina Verheyen, M.A. (Berlin)
37. Dr. Annette Vowinckel (Berlin)
38. Stephanie Warnke (Zürich)
39. Thorsten Wagner, M.A. (Berlin)
40. Jörn Weinhold, M.A. (Weimar)
41. Albrecht Wiesner, M.A. (Potsdam)
Tagungsbericht
Nicht nur in der Ethnologie, Mikrosoziologie und
Frühneuzeitforschung, sondern auch bei Historikerinnen und
Historikern des 19. und 20. Jahrhunderts hat das Interesse an
interpersonaler Kommunikation in den letzten Jahren zugenommen. Neben
Briefen und Telefonaten spielten und spielen face-to-face-Kontakte in
der Moderne unbestreitbar eine wichtige Rolle. Den Status der
Kommunikation zwischen Personen präzise zu bestimmen,
gestaltet sich allerdings oft schwierig und wirft verschiedene
konzeptionelle Probleme auf. Diese Probleme zu diskutieren, dabei
Veränderungen und Kontinuitäten herauszuarbeiten und
die Brücke zu übergreifenden kultur- und
gesellschaftsgeschichtlichen Entwicklungen zu schlagen, war das Ziel
der Göttinger Tagung über
„Austauschbeziehungen. Interpersonale Kommunikation im 19.
und 20. Jahrhundert“. Der „Arbeitskreis Geschichte
und Theorie“ setzte damit seine längerfristige
Beschäftigung mit der Historisierung von
Kommunikationsverhältnissen fort, die in den nächsten
Jahren Gegenstand weiterer Tagungen sein wird.
Die erste Sektion über
„Kommunikationsräume“ begann mit einem
Vortrag von Habbo Knoch (Göttingen), der dem
europäische Palasthotel der „langen
Jahrhundertwende“ gewidmet war. Hier etablierte sich eine
neue Form repräsentativer, aber durchlässiger
Öffentlichkeit mit eigenen Distinktionsstilen, die das Hotel
für bürgerliche Gesellschaften (z.B.
Abendveranstaltungen) in großstädtischen Zentren
attraktiv werden ließ. Das von Georg Simmel und Siegfried
Kracauer thematisierte Spannungsverhältnis von
Individualität und Entpersonalisierung läßt
sich, so Knoch, an diesem Beispiel konkret untersuchen und in eine
bestimmte historische Konstellation einordnen.
Armin Owzar (Münster) begann seinen Vortrag mit einigen
Überlegungen zu den Bedingungen gesellschaftlicher
Integration, die einen normativen Grundkonsens und eine
alltägliche Kommunikation auch zwischen unterschiedlichen
Gruppen und politischen Lagern erfordere. Dieser Problematik ging der
Referent am Beispiel von Kneipen in ausgesuchten Stadtvierteln nach,
wobei er zu dem Ergebnis kam, daß die
intersegmentäre Kommunikation bei wenigen thematischen
Berührungspunkten ganz überwiegend negativ verlaufen
und nicht selten eskaliert sei. Eine formale Dialogfähigkeit
sei nicht festzustellen, was Owzar als eine unter mehreren Ursachen
für das Scheitern der Weimarer Republik bezeichnete.
In der Diskussion wurden Zweifel an der normativen Begrifflichkeit von
Owzars Beitrag laut; zudem wurde vorgeschlagen, das negative Bild
sozialmoralischer Milieus, wie es wegweisend von Lepsius formuliert
worden ist, zu überdenken. In Bezug auf den Vortrag von Knoch
regten verschiedene Stimmen an, eine Typologie des Hotels zu entwerfen
und Besucher wie Personal genauer zu untersuchen. Generell wurde eine
stärkere Berücksichtigung der räumlichen
Strukturierung von interpersonaler Kommunikation gefordert.
Im Rahmen der folgenden Sektion über
„Betriebskommunikation zwischen Expertenwissen und
Eigensinn“ ging Ruth Rosenberger (Trier) dem Zusammenhang
zwischen der Entstehung und Etablierung der Betriebspsychologie und der
Kommunikation in westdeutschen Unternehmen nach. Viele Unternehmer
reagierten auf den Bedeutungsgewinn von Arbeitnehmervertretungen nach
1945, indem sie im Zeichen der „sozialen
Partnerschaft“ akademisch geschulte Experten eine neue Kultur
des dialogischen Gesprächs entwickeln ließen, die
sich von der nationalsozialistischen
„Betriebsgemeinschaft“ abhob. Dabei waren sie
jedoch nicht immer erfolgreich: Während sich z.T. eine
ungleichgewichtige Aushandlung zwischen verschiedenen Akteursgruppen
etablierte, nutzten die Meister in einem anderen Fall die
Gespräche, um ihren Unmut über das Betriebsklima zu
artikulieren und die Einbeziehung höherstehender
Unternehmensangehöriger zu fordern.
Götz Bachmann (Berlin) präsentierte die Ergebnisse
seiner ethnologischen Untersuchung von Arbeitspausen im Kaufhaus
„Wertpreis“, die auch im Zeichen von
Personaleinsparungen, „Flexibilisierung“ und
verlängerten Ladenöffnungszeiten die Chance zu
horizontaler Gemeinschaftsbildung bieten. Der Pausenraum stellt eine
Bühne dar, die es den Verkäuferinnen
ermöglicht, Arbeit und Sexualität zu thematisieren,
konfrontativ zu diskutieren und „sich hochzuziehen“
oder einträchtig zu schimpfen, „spinnen“
und schweigen. Diese Kommunikation ist zwar von wechselseitiger
Aushandlung, aber auch von einem asymmetrischen Beziehungsgewebe
geprägt, in dem bestimmte Frauen die Rolle integrierter
Führerfiguren übernehmen, d.h. eine Machtbalance
herstellen und definieren, was jeweils als
„gerecht“ gilt.
Verschiede Diskutantinnen und Diskutanten fragten Rosenberger nach
Herkunft und Interessen der Betriebspsychologen und nach
Kontinuitäten zwischen
„Betriebsgemeinschaft“ und „sozialer
Partnerschaft“. Bachmann wurde aufgefordert, seine Stellung
als männlicher Ethnologe in einem fast
ausschließlich weiblichen Umfeld zu erläutern. An
die Referentin wie den Referenten richtete sich der Vorschlag, die
jeweiligen Fallbeispiele noch stärker historisch einzuordnen
und in Beziehung zu betriebsexternen Faktoren (Wirtschaftskonjunktur,
Gewerkschaften, Medien) zu setzen. Schließlich wurde erneut
gefordert, die räumlichen Bedingungen der interpersonalen
Kommunikation zu thematisieren.
Gerüchte in der sozialwissenschaftlichen Theorie und in der
ländlichen Gesellschaft des frühen 19. Jahrhunderts
waren das Thema des Vortrags von Tobias Kies (Bielefeld) unter dem
Rubrum „Öffentlichkeit und
Autorität“. Vor dem Hintergrund des Zweiten
Weltkriegs entstand eine sozialwissenschaftliche Forschung zu
Gerüchten, die diese als Reaktion auf strukturelle
Nachrichtendefizite in Gestalt von „improvised
news“, als Rationalisierung von Zweifeln und Ängsten
und als Form der sozialen Konsensbildung und kollektiven
Problemlösung interpretierte. Am Beispiel der katholischen
Sekte der Salpeterer zeigte Kies, wie mit Hilfe von Gerüchten
eine ländliche Frömmigkeitskultur erfolgreich gegen
den Veränderungsdruck der kirchlichen Hierarchie verteidigt
werden konnte.
In der Diskussion wiesen verschiedene Stimmen auf ein
ungeklärtes Spannungsverhältnis zwischen allgemeinen
Überlegungen zum Charakter des Gerüchts und der
konkreten historischen Konstellation im Baden des frühen 19.
Jahrhunderts hin. Weiterhin wurde vorgeschlagen, die an
„Katalysatoren“ und „Ventilen“
orientierte sozialwissenschaftliche Begrifflichkeit der 1960er und
1970er Jahre kritischer zu bewerten, die Beziehung zwischen kollektiver
und interpersonaler Kommunikation genauer zu klären und
stärker zwischen den jeweiligen Kontexten der Entstehung von
Gerüchten zu differenzieren.
Frank Bösch (Göttingen) sprach über den
Zusammenhang von Kommunikation, „Institutionen und
Politik“, konkret über den Parteivorstand der CDU
bis 1970, in dem zwar selten wichtige Entscheidungen getroffen wurden,
der aber als Raum diente, in dem sich die Repräsentanten
unterschiedlicher Gruppen in einer relativ offenen
Gesprächssituation begegneten. Konrad Adenauer gelang hier
eine bemerkenswerte Integrationsleistung, die er durch meisterhafte
Diskussionsleitung, die geschickte Herstellung von Hierarchie und
Vertrautheit und nicht zuletzt die Nutzung seines Humors als politische
Führungsressource erreichte. Seit Mitte der 1960er Jahre
zeichnete sich ein Wandel hin zu informelleren Umgangsformen und einer
professionelleren Rhetorik ab, den sich schließlich Helmut
Kohl zunutze machte.
Verschiedene Diskutantinnen und Diskutanten fragten nach einem
kommunikativen Wandel bereits vor 1965 und nach dem Vergleich zur SPD.
Weitere Anregungen bezogen sich auf die neuen Formalisierungstendenzen,
die gegenüber dem Trend zu einer offenen Kommunikation seit
Mitte der 1960er Jahre nicht übersehen werden
dürften. Schließlich wurde vorgeschlagen, den
Parteivorstand weniger von der Person Konrad Adenauers sondern
stärker von der Kommunikationsgeschichte der CDU her zu
betrachten.
Der Vortrag von Anke Bahl (Bonn/Frankfurt a.M.) war unter dem Oberthema
„Kommunikationstechnologien“ den Beziehungen
passionierter Internetnutzer gewidmet. Die sog. MUDs sind anonyme
Schutzräume, in denen persönliche Interaktionen nicht
face-to-face stattfinden und deshalb von physischer Präsenz,
Visualität, überhaupt der unkontrollierten Preisgabe
von Informationen befreit sind. Gerade junge Menschen, die mit ihrem
Körper unzufrieden sind, sehen im rein sprachlich-kognitiven
Charakter dieser Kommunikation die Chance, sich selbst zu offenbaren
und vertrauensvolle Beziehungen zu knüpfen, wobei sich daraus
jedoch oft der Wunsch entwickelt, sich am Ende face-to-face
kennenzulernen.
In der Diskussion wurde darauf hingewiesen, daß sich der
Innerlichkeitskult der Internetnutzer in eine längerfristige
historische Kontinuität einordnen lasse. Weitere
Beiträge bezogen sich auf die strukturierende Rolle von
Regeln, moralischen Normen und kollektiven Vorstellungen.
Schließlich wurde nach Zugangsbarrieren zur digitalen
Kommunikation und der sozialen Herkunft der Nutzer gefragt.
Die letzte Sektion zum Thema „Kommunikation,
Subjektivität und Krisenerfahrung“ begann mit einem
Vortrag von Moritz Föllmer (Berlin) über den
Zusammenhang von Kommunikationskrise und Selbstmord in der Weimarer
Republik. Entscheidend war dabei das Aufeinanderprallen
älterer kommunikativer Praktiken wie der
pädagogischen Ermahnung oder des elterlichen Schlagens mit
neuen Persönlichkeitsstilen von Jugendlichen, die von einem
existentiellen Pathos oder einer phantasievollen Mehrdeutigkeit
geprägt waren. Des weiteren stellte die massenhafte
Arbeitslosigkeit ebenso eine schwerwiegende Belastung für die
persönlichen Beziehungen dar wie die Kluft zwischen
gesellschaftlicher Normerfüllung und dem Anspruch auf
individuelles Glück; dieses biographische Scheitern konnte
nicht selten nur noch in Abschiedsbriefen kommuniziert werden.
Daniel Morat (Göttingen) widmete sich den
Rechtsintellektuellen nach 1945, die ihre biographische Krise durch die
Kommunikation in kleinen, esoterischen Zirkeln zu bewältigen
suchten. Er verband dies mit Reflexionen über den Status des
Gesprächs in der intellectual history und die Renaissance von
Oralität in der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Die
kommunikative „Behauptung aus eigener Kraft“ von
Heidegger, Jünger und anderen trugen gleichzeitig defensiven
und offensiven Charakter, denn die Gespräche boten sowohl ein
Refugium als auch den Ansatzpunkt für eine Rückkehr
in die Öffentlichkeit.
An Föllmer richtete sich verschiedentlich die Forderung, den
Zusammenhang von allgemeiner Krise der Weimarer Republik, konkreter
biographischer Krise und Selbstmord genauer zu klären. Gefragt
wurde weiterhin nach der quantitativen Entwicklung des Suizids und den
Varianten seiner Durchführung, sowie den
Rückwirkungen des literarischen und medialen Diskurses auf die
Selbstmörder. Morat wurde gebeten, die Beziehungen zwischen
interpersonaler Kommunikation und medialer Öffentlichkeit und
die Rolle von Generationen innerhalb der intellektuellen Rechten
näher zu erläutern. An beide Referenten ging der
Vorschlag, ihre jeweiligen Fallbeispiele stärker in die
Geschichte der – insbesondere bürgerlichen
– Kommunikationsformen einzuordnen.
Die Schlußdiskussion kreiste um drei Pole: Erstens forderten
verschiedene Diskutantinnen und Diskutanten, den Status von
interpersonaler Kommunikation methodisch präziser zu
bestimmen, wobei einerseits auf deren materiale (etwa
körperliche oder technische) Voraussetzungen und Aspekte und
andererseits auf die Rolle von Regeln, Diskursen und ihrer Verdichtung
zu bestimmten kommunikativen Regimes hingewiesen wurde. Zweitens war
das Verhältnis von anthropologischen Grundtatsachen und der
jeweiligen historischen Konstellation umstritten: Während
einige Stimmen anregten, Konstanten des Kommunikationsverhaltens
herauszuarbeiten und anschließend als Ausgangspunkt
für die Historisierung zu nehmen, insistierten andere auf der
Historizität von Gesprächsformen. Dies leitete
– drittens - zur Periodisierungsfrage über. Dabei
wurde – neben der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
und den Umbrüchen seit den 1990er Jahren - die Bedeutung der
Zeit um 1900 unterstrichen, die durch einen Wandel der Verkehrsformen,
die Rückwirkung von Massenmedien auf die Beziehungen zwischen
Personen und einen neuen kommunikativen Gleichheitsanspruch bestimmt
gewesen sei. Um 1960 wurde eine weitere Zäsur in Form eines
Informalisierungsschubs und eines Wandels der räumlichen
Bedingungen von interpersonaler Kommunikation bei gleichzeitiger
Veränderung der Reflexion über sie (Stichwort
„Streitkultur“) ausgemacht.
Insgesamt zeigte die Tagung, daß es lohnend aber gleichzeitig
auch schwierig ist, die Analyse interpersonaler Kommunikation in
bestimmten Konstellationen mit der Diskussion übergreifender
Periodisierungsfragen zu verbinden. Wie und warum sich
Gesprächsformen im 19. und 20. Jahrhundert wandelten, bliebe
noch genauer zu klären. Darüber hinaus erscheint es
nötig, die Wechselbeziehungen von interpersonaler
Kommunikation und Gesellschaft theoretisch präziser zu
erfassen. Immerhin gelang es, solche Fragen auf der Grundlage
vielfältiger und methodisch wie inhaltlich interessanter
Vorträge zu diskutieren. Eine Publikation der
Beiträge ist vorgesehen.
Moritz Föllmer