XIV
Verklärung, Vernichtung, Verdichtung:
Raum als Kategorie einer Kommunikationsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts
Katholische Akademie „Die Wolfsburg“
Mülheim an der Ruhr, 27.2. - 2.3.2003
Konzept und Organisation:
Alexander C.T. Geppert, Uffa Jensen und Jörn Weinhold
in Kooperation mit dem Kulturwissenschaftlichen Institut, Essen
I. Thema und Zielsetzung
Diese Tagung ist Teil einer mittelfristig angelegten
Beschäftigung des Arbeitskreises Geschichte+Theorie mit der
Historisierung von Kommunikation. Während eine erste Tagung im
Frühjahr 2000 nach den Bedingungen der Moeglichkeit fragte,
Kommunikationsprozesse und -medien per se historisch zu beobachten,
wandte sich eine zweite im Frühjahr 2001 Fragen von direktem
Austausch zwischen Personen zu. Die nunmehr anstehende dritte Tagung
des Arbeitskreises zu diesem Themenkomplex beabsichtigt, das
Verhältnis von Raum und Kommunikation im 19. und 20.
Jahrhundert auszuloten und die Eignung von Raum als einer
möglichen historischen Zentralkategorie für eine noch
zu schreibende Kommunikationsgeschichte dieses Zeitraumes zu
überprüfen.
Damit verfolgt der Arbeitskreis eine dreifache Zielsetzung: Erstens
lässt sich gegenwärtig eine immer häufigere
Verwendung des Begriffs „Raum“ in historischen
Arbeiten konstatieren („spatial turn“), ohne dass
dieser entsprechend kontrolliert oder reflektiert verwendet werden
würde. Die Tagung soll versuchen, längst und auf
breiter Basis existierende Theorie- und Wissensangebote von
Nachbardisziplinen wie Geographie, Soziologie, Architekturtheorie oder
Kunstgeschichte für historiographische Zwecke aufzubereiten
und entsprechend gezielt in einen anderen Wissenschaftskontext zu
transferieren. Zweitens wird beabsichtigt, Raum aus dem häufig
unsichtbaren, aber stets präsenten Hintergrund
historiographischen Arbeitens hervorzuholen und selbst zu
thematisieren, womöglich sogar in den Rang einer Kategorie zu
erheben, um auf dieser Weise einer vorzeitigen
„Ver-Modung“ vorzubeugen. Drittens und letztens
wird die Erforschung des Wechselverhältnisses von Raum und
Kommunikation als entscheidender Schritt auf dem Weg zur Entwicklung
einer „Historischen Kommunikologie“ verstanden. Im
Sinne Vilém Flussers versteht der Arbeitskreis darunter, die
Analyse von Kommunikationsprozessen nicht auf ihre technischen und
medialen Aspekte zu beschränken, sondern die (Massen-)Medien,
die durch sie bedingten Veränderungen von
Kommunikationsverhältnissen und deren reflektierender
„Einschreibung“ in die Gesellschaft als ein
essentieller, bislang jedoch nicht hinreichend verstandener Modus der
modernen Vergesellschaftung aufzufassen.
Der Tagung liegen vier unterschiedliche Argumente - oder
sogar: Thesen - zugrunde, die hier kurz unterschieden werden
sollen:
1. Ein historisches Argument: Wie in der gesamten Tagungsreihe wird
auch mit dieser Tagung die These einer „kommunikologischen
Sattelzeit“ vertreten. Im Zeitraum zwischen 1880 und 1960
lässt sich, so unser Argument, keineswegs eine
„Vernichtung von Zeit und Raum“ (Wolfgang
Schivelbusch) beobachten, vielmehr kommt es in der klassischen Moderne
zu einer immer schneller werdenden Konstituierung neuer und simultanen
Auflösung und Transformation alter Räume, welche
einander ablösen, zugleich aber auch überlagern und
überlappen. In dieser Phase entsteht zudem nicht nur eine
völlig neuartige Medienlandschaft, es bilden sich durch
Urbanisierung, Industrialisierung und Medialisierung zugleich neue
Kommunikationsräume. Prozesse der Anonymisierung, aber auch
der Informalisierung interpersonaler Kommunikation lassen vermuten,
dass mit diesen neuen Raumverhältnissen gesellschaftliche
Kommunikation insgesamt zu einem Problem wird: Neue
Kommunikationstechniken und -stile müssen ebenso entwickelt
werden, wie eine breite zeitgenössische Reflektion
über Kommunikationsbeziehungen notwendig wird. Unseres
Erachtens lassen sich diese Entwicklungsschübe sehr viel
adäquater als eine „Verdichtung“ von Raum
(und Zeit) und Kommunikation begreifen.
2. Ein theoretisches Argument: Raum ist nicht un-denkbar.
Selbst die private und öffentliche, individuelle und
institutionelle Verhandlung von imaginären wie für
reell gehaltenen Räumen kann selbst wieder nur im Raum
erfolgen. Zugleich tritt sie dem Historiker damit als Kommunikation
entgegen. Dieses Wechselverhältnis macht eine Isolierung der
beiden Kategorien zu analytischen Zwecken hochgradig schwierig.
3. Ein heuristisches Argument: Historiker haben inzwischen die
Unausweichlichkeit und das stete, wenn auch zumeist lediglich implizite
Vorhandensein von räumlichen Dimensionen in ihrer Arbeit
erkannt. Unausgesprochen liegt hier oftmals die Annahme zugrunde, dass
Aspekten von Räumlichkeit durch den weltweiten Konzentrations-
und Vernetzungsprozess, der normalerweise als
„Globalisierung“ beschrieben und als
„Glokalisierung“ weiterentwickelt wird, auch in
wissenschaftlicher Hinsicht eine größere Bedeutung
beigemessen werden muss, als das bislang der Fall war.
4. Daran unmittelbar anknüpfend verbindet sich mit diesen drei
Argumenten schließlich ein kritischer Impetus: Aus welchem
Grund und mit welcher Motivation engagieren sich Historikerinnen und
Historiker so stark in dieser gegenwärtig zu beobachtenden
Verklärung von Räumen und Landschaften, Geographien
und deren Kartierungen? Entschieden gegen die rein metaphorische
Verwendung des Raumbegriffs gerichtet, fragt die Tagung nach den
Gründen für die neue Omnipräsenz der Rede
vom Raum - und argumentiert, dass die sich
eröffnenden historiographischen Forschungsperspektiven viel zu
wichtig sind, um eine schnelle Abnutzung qua Modewort zuzulassen.
I
I. Konzept und Leitfragen
Die Tagung wird sich in drei Sektionen gliedern:
„Kommunikation von Raum“, „Raum durch
Kommunikation“ und „Kommunikation im Raum“. Dieser
konzeptionellen Anordnung der Tagung in drei Sektionen entsprechen die
geschichtswissenschaftlichen Leitfragen, mit denen wir uns
beschäftigen wollen.
1. Kommunikation von Raum: Ausgehend von den oben
entwickelten Argumenten soll zunächst versucht werden, eine
Geschichte von Raum als wissenschaftlicher Kategorie in
unterschiedlichen Disziplinen zu diskutieren. Darüber hinaus
findet man Bedeutungszuschreibungen der räumlichen Dimension
auch in nicht-wissenschaftlichen Diskursen über
räumliche Bedingungen des Lebens. Die sowohl wissenschaftliche
als auch nicht-wissenschaftliche „Kommunikation von
Raum“ soll in der ersten Sektion unserer Tagung
erörtert werden. Die oben angeführte
„Verklärung“ der Kategorie Raum
lässt sich in der Geschichte vieler wissenschaftlichen
Disziplinen beobachten, so dass es kaum überraschen mag, dass
die Beschäftigung mit den räumlichen Dimensionen von
Lebenswelten auch in der Historiographie zwischen
Überschätzung und Vernachlässigung schwankt.
In der wissenschaftshistorisch ausgerichteten ersten Sektion richten
wir unsere Fragen daher vor allem an Disziplinen, in denen Raum stets
eine wichtige Kategorie war: an die Geographie, die Architektur oder
die Kunstgeschichte. Im Zentrum dieser Sektion steht die Frage nach den
kommunikativen Bedingungen über Erfolg oder Misserfolg
bestimmter Raumkonzepte innerhalb einer Disziplin, im Austausch
zwischen Disziplinen und in der Vermittlung an eine
nicht-wissenschaftliche Öffentlichkeit. In dieser Sektion zu
stellende exemplarische Fragen umfassen etwa die folgenden:
- Worin liegt der Erfolg der lange
vorherrschenden deterministischen Raumkonzeptionen?
- Bedingten bestimmte wissenschaftliche
Kommunikationskreise Kontinuitäten oder einen raschen Wandel
von Raumtheorien?
- Warum ließen sich gerade
wissenschaftliche Vorstellungen von Raum leicht vermitteln und dadurch
politisch instrumentalisieren?
- Welche gesellschaftliche Bedeutung
wurde den über Raum theoretisierenden Disziplinen in der
Öffentlichkeit beigemessen?
2. Raum durch Kommunikation: Die
vielfältigen Diskurse über Raum stellen gleichzeitig
aber nur eine der möglichen Spielarten dar, durch die
Räume in kommunikativen Prozessen geschaffen werden. Der
Übergang zur zweiten Sektion, in der die Konstituierung von
(Kommunikations-) Räumen im Mittelpunkt steht, ist also
fließend. Hier interessieren uns vor allem die
Konstruktionsweisen von Raum, welche sich durch alltägliche
Kommunikationspraktiken ergeben. Durch eine akteurszentrierte
Betrachtung der neuen Medien und Technologien der
„kommunikologischen Sattelzeit“ soll die weit
verbreitete These von der „Vernichtung des Raumes“
in Frage gestellt werden. Die Leitfrage dieser Sektion stellt somit die
Folgen der Aneignungen neuer Kommunikationstechnologien und -stile bei
der Ausformung der räumlichen Ordnungen der Gesellschaft
zwischen 1880 und 1960 in den Vordergrund. Zu fragen wäre hier
unter anderem:
- Welche Räume wurden durch den
rapiden Ausbau der Infrastruktur in dieser Zeit
überbrückt?
- Welche Räume wurden durch die
Nutzung infrastruktureller Kommunikationsangebote auch neu gebildet?
- Wurde der symbolische Wert von Grenzen
im Alltagsleben als Kommunikationshindernis negiert oder wurden
lediglich Kommunikationsgrenzen verschoben?
- Hatten neue Medien der
Informationsverbreitung Auswirkungen auf die Gestaltung des privaten
und öffentlichen Raums?
- Brachten neue
Kommunikationsräume auch neue soziale Formationen oder Rituale
hervor?
- Schufen Regulierungen einer als zu
offen verstandenen Kommunikation neue Kommunikationskreise oder wurden
lediglich alte verboten?
3. Kommunikation im Raum: Schließlich wenden wir
uns gegen eine ausschließlich diskurs- oder
sozialkonstruktivistische - und damit nicht-materielle
- Betrachtungsweise des Verhältnisses von Raum und
Kommunikation. Vielmehr sieht das Konzept der Tagung vor, den
Auswirkungen von Erfahrungen räumlicher Materialität
auf das Kommunikationsverhalten von Menschen einen gewichtigen
Stellenwert beizumessen. In der dritten Sektion werden daher die als
Chancen oder Zwänge wahrgenommenen räumlichen
Bedingungen von Kommunikation thematisiert. Hier dominiert die
klassische Frage, inwieweit sich materiell-räumliche
Gegebenheiten auf Kommunikationsprozesse auswirken. Dabei muss jedoch
davon ausgegangen werden, dass den physischen Bedingungen von
Räumen stets nur über die geschilderten, skizzierten
oder anders vermittelten Wahrnehmungen der Zeitgenossen beizukommen
ist. Erst aus einer solchen Perspektive der physischen Erfahrung von
Kommunikationsweisen und -bedingungen lässt sich
überhaupt sinnvoll zwischen den beiden alternativen Thesen
einer „Vernichtung von Zeit und Raum“ einerseits
oder ihrer „Verdichtung“ andererseits entscheiden.
Exemplarische Fragestellungen für diese Sektion lauten etwa:
- Lässt sich eine
Erfahrungsgeschichte von Distanzauflösung durch neue
Transport-, Informations- oder andere Technologien schreiben?
- Auf welchen Raumwahrnehmungen und
Kommunikationsweisen beruhen Entwürfe von neuen
Kommunikationsräumen wie etwa Telefonzellen?
- Warum trugen räumliche
Erfahrungen dazu bei, dass die massenhafte Verbreitung des Fernsehens
nicht das Ende des Kinos bedeutete?
In einer Abschlussdiskussion sollen die verschiedenen Aspekte und
Sektionen wieder zusammengeführt werden, da sich
gemäss der Grundannahme der Tagung -
„Kommunikation schafft Räume, Räume
strukturieren Kommunikation“ - das
Verhältnis von Raum und Kommunikation nur zu heuristischen
Zwecken trennen lässt.
Programm
Donnerstag, 27. Februar 2003
15.30 Alexander C.T. Geppert (Florenz/Essen), Uffa Jensen
(Berlin) und Jörn Weinhold (Weimar):
Raum und Kommunikation: Themen, Thesen, Termini
SEKTION I: RAUM ALS KATEGORIE UND KONZEPT
16.00 Alexander Mejstrik (Wien):
Von Metaphern und Modellen: Skizze eines epistemologischen Profils der
Gebrauchsweisen von Raum in den Sozial- und Kulturwissenschaften.
16.30 Judith Miggelbrink (Leipzig):
Die (Un-)Ordnung des Raumes: Zum Wandel geographischer Raumkonzepte im
ausgehenden 20. Jahrhundert.
17.00 Till Kössler (Bochum):
Kommentar und Moderation
Freitag, 28. Februar 2003
SEKTION II: KOMMUNIKATIONSRAUM STADT
10.00 Stefan Haas (Münster):
Constructing a Virtual Habitat: Mediale Bedingungen der Konstitution
des städtischen Raumes im Modernisierungsprozess
10.30 Philipp Müller (Florenz):
'Hennig Jagden' in Berlin: News und ihre Aneignung im urbanen Raum, 1906
11.00 Andreas Mai (Leipzig):
Kommentar und Moderation
SEKTION III: RAUMWANDEL DURCH KOMMUNIKATIONSTECHNOLOGIEN
14.00 Christian Holtorf (Dresden):
Der erste Faden im World Wide Web: Die Transatlantikverbindung von 1858
14.30 Werner Konitzer (Hamburg):
Das Telefon als besondere Form gedehnter Äußerung
und die Veränderung des Raumbegriffs
15.00 Daniel Morat (Göttingen):
Kommentar und Moderation
SEKTION IV: ARCHITEKTUREN DER KOMMUNIKATION
16.15 Stefan Paul (Köln):
Kommunizierende Räume - das Museum
16.45 Alarich Rooch (Bremen):
Kommunikation im ästhetisch angeeigneten Raum: Die
bürgerliche Villa
17.15 Manuel Borutta (Berlin):
Kommentar und Moderation
Samstag, 1. März 2003
SEKTION V: KÜNST-LICHE RÄUME KOMMUNIZIERT
08.30 Annette Vowinckel (Berlin):
Das Bild als Erzählraum: Technische versus kommunikative
Bildgestaltung im 14. und 15. Jahrhundert
09.00 Tanja Michalsky (Berlin):
Mediatisierung des Raums im Spannungsfeld von Karte und Bild
09.30 Katja Protte (Berlin):
Kommentar und Moderation
SEKTION VI: IMAGINIERTE RÄUME IN KOMMUNIKATIVER PRAXIS
11.00 Alexander Honold (Berlin):
Raum ohne Volk: Zur Imaginationsgeschichte der kolonialen Geographie
11.30 Antje Schlottmann (Jena):
Zur alltäglichen Verortung von Kultur in kommunikativer
Praxis: Beispiel 'Ostdeutschland'
12.00 Maren Möhring (Köln):
Kommentar und Moderation
ABSCHLUSSVORTRAG UND -DISKUSSION: SPATIAL TURN?
15.00 Christoph Conrad (Genf):
Noch ein "turn" - aber in welche Richtung? Wiederentdeckung
des Raumes und Inflation von Räumen in den Kulturwissenschaften
15.30 Peter Becker (Florenz):
Kommentar und Moderation
Teilnehmerinnen und Teilnehmer
1. Prof. Dr. Peter Becker (Florenz)
2. Manuel Borutta, M.A. (Berlin)
3. Dr. Frank Bösch (Bochum)
4. Prof. Dr. Hanns-Georg Brose (Duisburg)
5. Prof. Dr. Christoph Conrad (Genf)
6. Carola Dietze (Göttingen)
7. Stefan Dusil, M.A. (Frankfurt am Main)
8. Pascal Eitler, M.A. (Bielefeld)
9. Dr. Hannah Feldhammer (Essen)
10. Dr. Moritz Föllmer (Berlin)
11. Dr. Alexa Geisthövel (Berlin)
12. Alexander C.T. Geppert, M.A. (Florenz/Essen)
13. PD Dr. Stefan Haas (Münster)
14. Dr. Andrea Hauser (Halle-Wittenberg)
15. Dr. Martina Heßler (München/Aachen)
16. Prof. Dr. Detlef Hoffmann (Osnabrück)
17. Christian Holtorf, M.A. (Dresden)
18. PD Dr. Alexander Honold (Berlin)
19. Uffa Jensen, M.A. (Berlin/Göttingen)
20. Dr. Wiebke Kolbe (Bielefeld)
21. PD Dr. Werner Konitzer (Hamburg)
22. Till Kössler, M.A. (Bochum)
23. Andreas Mai, M.A. (Leipzig)
24. Dr. Alexander Mejstrik (Wien)
25. Dr. Tanja Michalsky (Berlin)
26. Dr. Judith Miggelbrink (Leipzig)
27. Dr. Maren Möhring (Köln)
28. Daniel Morat, M.A. (Göttingen)
29. Philipp Müller (Florenz)
30. Vanessa Ogle (Berlin)
31. Dr. Anke Ortlepp (Köln)
32. Stefan Paul, M.A. (Bonn)
33. Katja Protte, M.A. (Berlin)
34. PD Dr. Alarich Rooch (Bremen)
35. Antje Schlottmann, M.A. (Jena)
36. Nina Verheyen, M.A. (Berlin)
37. Dr. Annette Vowinckel (Berlin)
38. Stephanie Warnke (Zürich)
39. Thorsten Wagner, M.A. (Berlin)
40. Jörn Weinhold, M.A. (Weimar)
41. Albrecht Wiesner, M.A. (Potsdam)
Tagungsbericht
Warum teilt man am Mobiltelefon unmittelbar nach der
Begrüßung seinen Aufenthaltsort mit? Es vergeht
keines solcher Gespräche, ohne dass nicht gesagt wird, man
sitze gerade in der U-Bahn, noch am Arbeitsplatz oder bereits in einem
Café. Solche Beispiele verweisen darauf, dass Kommunikation
stets eines räumlichen Bezugs bedarf. Wie ist dieses
Verhältnis jedoch zu verstehen und welche Rolle kann Raum als
Kategorie in einer Kommunikationsgeschichte spielen? —
Solchen und anderen Fragen war die Tagung
„Verklärung, Vernichtung, Verdichtung: Raum als
Kategorie einer Kommunikationsgeschichte des 19. und 20.
Jahrhunderts“ gewidmet. Sie stand im Zusammenhang der
bisherigen Arbeit des Arbeitskreises Geschichte und Theorie (AG+T), der
sich seit zwei Jahren auf die Entwicklung eines eigenen Ansatzes
innerhalb der Medien- und Kommunikationsgeschichte konzentriert. In
Form einer neu zu begründenden Historischen Kommunikologie
sollen dabei insbesondere Veränderungen im Verhältnis
von Kommunikation, Medien und Öffentlichkeit im
Übergang von der Industrie- zur Informationsgesellschaft
untersucht werden. Dabei wird die These profiliert, dass die Phase
zwischen 1880 und 1960 als eine „kommunikologische
Sattelzeit“ verstanden werden kann. Der Arbeitskreis
argumentiert, dass es mit den medientechnologischen Neuerungen und der
gesellschaftlichen Dynamisierung seit dem 19. Jahrhundert zu einem
Strukturwandel der Kommunikation kam, der zugleich von den Zeitgenossen
zunehmend thematisiert und reflektiert wurde. Kommunikation selbst
wurde mit der langen Jahrhundertwende zum Objekt
zeitgenössischer Beobachtung, wie sich zum Beispiel am
Entstehen der ersten Medientheorien ablesen lässt.
Wie schon während der Tagungsvorbereitung deutlich geworden
war, kann die gegenwärtige Popularität des Themas
„Raum“ in den Geistes-, Kultur- und
Sozialwissenschaften kaum überschätzt werden.
Vielfach artikulierte Forderungen nach einem „spatial
turn“ sind dabei nur der explizitere Teil einer umfassenden
Thematisierung von Raumbezügen in den entsprechenden
Disziplinen — die bis zu jenem metaphorischen Sprachgebrauch
reicht, in dem mit Handlungs-, Kommunikations- oder ähnlichen
Räumen kaum mehr etwas Konkretes gemeint ist. In kritischer
Absicht gegenüber solchen Aspekten des
zeitgenössischen Sprechens über Raum und
Räumlichkeit ging die Tagungskonzeption von einem elementaren
Bezug zwischen Raum und Kommunikation aus. Kommunikation findet nicht
nur offensichtlich immer häufiger über
Raumbezüge statt, sie ist dabei stets auch an
räumliche Gegebenheiten gebunden. Schließlich gibt
es keinen objektiven, absoluten Raum, vielmehr wird dieser selbst stets
durch Kommunikationsprozesse erst konstituiert. Grundlegend
für die Tagungskonzeption war daher die heuristische Trias aus
Kommunikation von Raum, Kommunikation im Raum sowie Raum durch
Kommunikation.
In einer ersten Sektion wurde „Raum als Kategorie und
Konzept“ diskutiert. Der Historiker Alexander Mejstrik (Wien)
griff in seinem Vortrag „Von Metaphern und Modellen: Skizze
eines epistemologischen Profils der Gebrauchsweisen von Raum in den
Humanwissenschaften vornehmlich auf Überlegungen von Gaston
Bachelard zurück. Auf der Suche nach einem Kompass, mit dessen
Hilfe den Tagungsteilnehmern die Differenzierung innerhalb einer
Vielzahl von Gebrauchsweisen ermöglicht werden sollte,
unterschied Mejstrik verschiedene Bezugssysteme, in denen
‚Raum‘ jeweils einen anderen Stellenwert besitzt.
Vorstellungen eines animistischen Raumes — konkret, erlebt,
wahrgenommen — wurden etwa von Vorstellungen eines objektiven
Raumes abgegrenzt, das heißt des gegebenen Raumes, der
vermessen werden oder durchquert werden kann. Daran schlossen sich die
Raumvorstellungen des klassischen Rationalismus an, bei denen der Raum
keine materielle Einheit, sondern eine Denknotwendigkeit sei. Zuletzt
konkretisierte Mejstrik am Beispiel von Bourdieus Feldanalysen, ob und
wie man Konzepte des dialektisierten Rationalismus — im
Anschluss an die nicht-euklidische Geometrie oder an die
Relativitätstheorie — umsetzen könnte,
wobei gegebene Raumkonstellationen nur mehr als ein Spezialfall
möglicher physikalischer Räume beschreibbar und
anwendbar seien. Ob und unter welchen Bedingungen unterschiedliche
Konzeptionalisierungen aus nicht-sprachlichen Raumwissenschaften wie
Physik und Mathematik die — auf sprachliche Konkretion
angewiesene — Debatte in den historischen Wissenschaften
beeinflussen und dabei ein ganzes Arsenal von unterschiedlichen
Raumbezügen ermöglichen, war eine Perspektive, die
der Vortrag eröffnete und welche im folgenden immer wieder
aufgegriffen wurde.
Die Geographin Judith Miggelbrink (Leipzig) erörterte in ihrem
anschließenden Vortrag „Die (Un-) Ordnung des
Raumes: Zum Wandel geographischer Raumkonzepte im ausgehenden 20.
Jahrhundert“ den Umgang der Fachgeographie mit verschiedenen
Raumkonzepten, wobei ihr insbesondere das Problem von
Materialität und Symbolisierung im Raumbegriff als
Spannungsbogen diente. Was wird bezeichnet, wenn etwas
„Raum“ genannt wird? In den 1970er Jahren war die
innerfachliche Diskussion, etwa in Anknüpfung an Torsten
Hägerstrands „time geography“, noch eng an
eine materielle Vorstellung von Bewegungen im Raum gebunden. Solche
Überlegungen ließen sich gut an raumplanerische
Vorhaben anschließen. Seitdem rückte einerseits die
individuelle Aneignung von Raum, andererseits die Produktion und
Funktion von Raumbildern (etwa in der Kritischen Geopolitik)
stärker in den Vordergrund. Gleichzeitig kam es zu einer
grundlegenden, nicht selten feministisch orientierten Kritik an einem
absoluten Raumbegriff, wie er bis dato lange unreflektiert verwandt
worden war. In diesem Zusammenhang wurde der Begriff
„place“ eingeführt, als ein auratischer,
für konkrete Personen bedeutungsvoller Bezugspunkt. Neuere
Richtungen der Kritischen Geographie oder der neuen Regionalgeographie
schließen an diese Innovationen an und betonen vor allem die
besondere Plausibilität, welche Formen von
Verräumlichung in alltäglicher Kommunikation
(„alltägliches Geographie-Machen“ (Benno
Werlen)) haben. Gerade in massenmedialer Kommunikation erhielten die
Strategien des Räumlichen zur Erzeugung von Identität
durch Differenz große Bedeutung, wie besonders an
Regionalismen zu beobachten ist. Miggelbrink warnte vor einem modischen
„Räumeln“ und fasste die wachsende
Vielfalt geographischer Raumkonzepte zusammen, indem sie einerseits vor
einer Fetischisierung des Raumes warnte, andererseits aber dessen
Kreativitätspotential nicht missen wollte. Durch ihren
Rückblick auf die Abfolge von geographischen Raumkonzeptionen
im 20. Jahrhundert wurde die Frage aufgeworfen, ob mit dem Wandel von
Raumkonzepten auch immer ein Wandel der Kommunikationsmodelle und
-begriffe verbunden sei.
Die beiden folgenden Vorträge handelten vom
„Kommunikationsraum Stadt” und zugleich von zwei
eminent bedeutsamen Innovationen auf dem Weg zur modernen
Kommunikations- und Mediengesellschaft. Die zweite Sektion
führte so vor, wie spektakuläre Realitäten
in soziale Topographien eingebunden wurden. Das Verhältnis von
urbanem Raum und Kommunikation erwies sich dabei als wechselseitig: Die
hohe Kommunikationsdichte in diesem Raum entstand aus dem komplexer
werdenden Stadtraum; der Stadtraum gewann zusätzlich an
Komplexität durch die Kommunikationsdichte. Der Historiker
Stefan Haas (Münster) ging in seinem Vortrag
„Constructing a Virtual Habitat: Mediale Bedingungen der
Konstitution des städtischen Raumes im
Modernisierungsprozess“ auf die besondere Rolle von
Wirtschaftswerbung in Kommunikationsraum Stadt ein und legte dabei
besonderes Gewicht auf die grundsätzliche Zäsur,
welche die Verbreitung von visueller Werbung in der Stadt seit dem Ende
des 19. Jahrhunderts mit sich brachte. Die Ausdifferenzierung des
städtischen Raumes und die rasant zunehmende
Mobilität forcierten die Entwicklung von visuellen
Werbeformen, die immer schneller konsumiert werden konnten. Zugleich
bebilderten die kleinen Geschichten der Werbung den
städtischen Raum. Haas argumentierte, dass die Werbung den
Stadtraum verändert habe — und damit die sich in ihm
bewegenden Menschen. Aus dem Flaneur des 19. konnte so der Patchworker
des 20. Jahrhunderts werden, der sich seinen Sinn collageartig selbst
zusammenstellt. In Haas‘ Beitrag besaß Raum somit
keinen eigenständigen Status als Kategorie, sondern wurde
selbst zu einem Faktor, der wiederum historische Wirkungen zeitigte.
Der Vortrag des Historikers Philipp Müller (Florenz)
„’Hennig Jagden‘ in Berlin: News und ihre
Aneignung im urbanen Raum, 1906“ analysierte den Zusammenhang
von Medien, Stadt und Wahrnehmung anhand einer kollektiven
Verbrecherjagd in Berlin. In seiner detaillierten Fallstudie, die ihren
Ausgang bei dem Versuch der Polizei nahm, mit Hilfe von Tageszeitungen
einen Gewaltverbrecher dingfest zu machen, wurde deutlich, wie Medien
die Wahrnehmungen ihrer Leser vom Leben im urbanen Raum entscheidend
mitprägten. Gleichzeitig wurden vielfältige
Bezüge zur räumlichen Selbstverortung hergestellt,
etwa wenn bei Denunziationen die Topographie der Stadt immer wieder neu
evoziert wurde. Die zunehmende Konkurrenz unter den Printmedien
über solcherart spektakuläre Meldungen manifestierte
sich zudem wieder im öffentlichen Raum der Stadt, so zum
Beispiel bei der Bekanntmachung der Auflagenstärke an
Litfaßsäulen.
Die darauffolgende, dritte Sektion thematisierte den
„Raumwandel durch moderne
Kommunikationstechnologien“, wobei insbesondere Aspekte der
Raumüberwindung im Mittelpunkt standen, durch die
„Raum“ jedoch keineswegs
„verschwand“. Der Historiker Christian Holtorf
(Dresden) begab sich in seinem Beitrag „Der erste Faden im
World Wide Web: Die Transatlantikverbindung von 1858“ auf die
Suche nach den technischen Ursprüngen einer heute so
omnipräsenten globalen Kommunikationsform wie dem Internet:
Wie wurde das „weltweite Netz“ geknüpft
und wie hat es selbst den Raum verändert? Holtorf
argumentiere, dass das Internet weit älter sei, als die
dreißig Jahre, die ihm gemeinhin zugestanden werden.
Insbesondere die technischen und logistischen Schwierigkeiten der
ersten Transatlantikverbindung von Irland nach Neufundland
demonstrierten die Bedeutung der Hardware, die bei der heutigen,
vermeintlich virtuellen Kommunikation schnell aus dem Blick
gerät. Seine detaillierte Technik- und Kulturgeschichte dieser
Verbindung hob zugleich die besondere Relevanz der umfangreichen
physikalischen Vermessungen und Standardisierungen hervor, die
für das erste Seekabel notwendig waren, und analysierte das
Aufladen dieser Überseeverbindung mit divergierenden
Bedeutungen durch die Zeitgenossen diesseits und jenseits des Atlantik.
Beim Bau geriet der Aspekt der Raumüberwindung durch das
Seekabel in den Hintergrund und wurde durch die im Zuge der neuen
Kommunikationstechnologie erforderliche Raumerschließung des
Ozeanbodens ersetzt: Durch das Kabel entdeckte man den Zwischenraum des
Meeres neu, so dass es zu einer unintendierten Raumproduktion kam.
Der Philosoph Werner Konitzer (Hamburg) lieferte in seinem Vortrag
„Das Telefon als besondere Form gedehnter
Äußerung und die Veränderung des
Raumbegriffes“ eine phänomenologische Analyse von
Telefonkommunikation. Indem er darauf verwies, dass die Struktur von
Sprechakten stets auf räumliche Bezüge angewiesen
ist, lieferte er ein weiteres Argument für die
Verknüpfung von Kommunikations- und Raumanalyse. Mit dem
Verweis auf ältere Formen von Botenkommunikation konnte
Konitzer die in der Medientheorie häufig vertretene These
widerlegen, dass die Kommunikation gedehnter
Äußerungen unter Abwesenden erst mit dem Telefon
möglich wurde. Das spezifisch Neue an dieser Kommunikation
bezeichnete er in Anlehnung an Marcel Proust als die
„wirkliche Gegenwart einer nahen Stimme (und ihres
Sprechraumes) bei tatsächlicher Trennung“. Ein
Telefongespräch bestehe eigentlich aus zwei
Gesprächen, von denen jeweils an einem Ende der Leitung ein
Abbild des jeweils anderen produziert werde; die Illusion des
Telefonierens bestehe in der von beiden Partnern
gleichermaßen geteilten Imagination eines gemeinsamen
Kommunikationsraumes, eines Sich-in-der-Mitte-Treffens. Konitzer
beschrieb die damit geschaffene Möglichkeit, aus
unterschiedlichen Räumen miteinander zu kommunizieren, wobei
sich zugleich ein neuer „Telefon-Raum“ davon
unabhängig bilde. Hierin lag ein Ansatzpunkt für die
psychologische und philosophische Theoriebildung in den 1920er Jahren,
in der dann neuartige Konzepte gelebter Räume artikuliert
wurden.
Die vierte Sektion beschäftigte sich mit
„Architekturen der Kommunikation“ und damit mit der
Frage, inwiefern konkrete Raumprogramme die in ihnen möglichen
Kommunikationsbeziehungen vorstrukturieren. In seinem Vortrag
„Kommunizierende Räume: Das Museum“
lieferte der Museologe Stefan Paul (Köln) verschiedene
Bausteine für eine Kommunikationsgeschichte des Museums. Die
im 19. Jahrhundert zentrale Sakralität des Baukörpers
Museum ließe sich auch heute noch beobachten. Zugleich
verdeutliche ein Blick auf die Entwicklungen im Inneren des Museums,
wie sich das Verhältnis von exponiertem Objekt und
inszeniertem Ausstellungsraum beständig gewandet habe.
Schließlich ließe sich bei einer Raumanalyse als
Teil einer Museumsgeschichte auch über die
Präsentationsform des Objektes selbst nachdenken, welches vor
allem durch die räumliche Anordnung in Vitrinen eine
auratische Qualität gewinnen konnte; Paul sprach hier von
Museumsdramaturgie. Mit einem neuen Misstrauen den Objekten
gegenüber halte in der Gegenwart nicht nur eine
stärkere Medialisierung von Ausstellungen Einzug, auch der
Baukörper Museum gewinne wieder an eigenständiger
Bedeutung, wie man es in deutlicher Form beispielsweise am Gehry-Museum
in Bilbao oder am Libeskind-Bau des Jüdischen Museums in
Berlin beobachten könne.
In seinem Beitrag „Kommunikation im ästhetisch
angeeigneten Raum: die bürgerliche Villa“ beschrieb
der Kunstwissenschaftler Alarich Rooch (Bremen) dann eine stilistische
Erfolgsgeschichte des 19. Jahrhunderts, an der sichtbar wurde, wie
bürgerliche Lebensstile in die Gesamtgesellschaft
diffundierten. Ausgehend von einer mit Bourdieuschen Konzepten
begriffenen Symbolgeschichte der Architektur im städtischen
Raum beschrieb Rooch das erhebliche Distinktionspotential, welches das
Raumprogramm der bürgerlichen Villa ihren Besitzern und
Bewohnern geboten habe. In der ersten Hälfte des 19.
Jahrhunderts entstanden, schuf die Villa mit ihren aus der griechischen
Antike oder italienischen Renaissance importierten, historisierenden
Versatzstücken Raum für spezifisch
bürgerliche Geselligkeitsformen und ebensolches
Repräsentationsbewusstsein; Rooch argumentierte auf diese
Weise, dass Villen keine reinen Privathäuser, sondern
semi-öffentliche Gebäude darstellten, die
entsprechend als Teil des Formierungsprozesses der Bürgertums
analysiert werden müssten. In der ersten Hälfte des
20. Jahrhunderts wurden Aspekte des Raumprogramms in andere
räumliche Kontexten übernommen, etwa in
Arbeiterwohnungen; gleichzeitig entstanden um den 1. Weltkrieg
innerbürgerliche Gegentendenzen zu diesem Raumtypus (Adolf
Loos‘ anti-ornamentalisches Bauprogramm seit 1907, die erste
Stahlbetonbauvilla 1914-19), so dass die Bedeutung der
bürgerlichen Villa allmählich wieder nachgelassen
habe.
Die fünfte Sektion „Künst-liche
Räume kommuniziert“ sollte nicht nur Perspektiven
aus einer anderen klassischen „Raum-Wissenschaft“,
nämlich der Kunstgeschichte, zur Diskussion stellen, sondern
zugleich Dimensionen aus anderen Epochen einbeziehen, besaßen
doch beide Beiträge Schwerpunkte in der Frühen
Neuzeit. Hierbei kamen Fragen unterschiedlicher
Repräsentationsformen von räumlichen Konstellation
und ihres jeweiligen Status (allgemeingültige versus
subjektivistische Repräsentation) ins Spiel. Ein besonderer
Fall war in diesem Zusammenhang die Repräsentation eines
Raumes durch die bildliche Darstellung von Kommunikationssituationen.
Die Historikerin Annette Vowinckel (Berlin) sprach über
„Das Bild als Erzählraum: Technische versus
kommunikative Bildgestaltung im 14. und 15. Jahrhundert“ und
nahm dabei Ausgang bei Erwin Panofskys klassischen Arbeiten zur die
Entdeckung der Zentralperspektive, die er zugleich als Anbeginn der
Moderne ausmachte. Demgegenüber ließen sich jedoch
Vowinckel zufolge in den Bildern auch ganz andere gestalterische Formen
nachweisen. In den von ihr mit Bezug auf Wolfgang Kemps
Überlegungen analysierten Darstellungen wurde das Bild zum
Raum, die Bildfläche zum Bildraum — und damit zum
Erzählraum. Ihr Vortrag hob so vor allem die Bedeutung solcher
Erzählräume und der dynamischen Interaktion in ihnen
hervor — beides Elemente, die gegen die mathematische
Gliederung des Raum durch die Zentralperspektive Anwendung finden
konnten, zum Teil sogar, wie etwa im Falle Botticellis, in bewusster
Abgrenzung dazu.
Die Kunsthistorikerin Tanja Michalsky (Berlin) stellte in ihrem Vortrag
„Mediatisierung des Raumes im Spannungsfeld von Karte und
Bild“ Anknüpfungspunkte zwischen Kartographie und
Landschaftsmalerei an sehr unterschiedlichen Beispielen dar, bis hin
zur zeitgenössischen Verwendung von Wetterkarten und
Satellitenbildern im Fernsehen. Der Vortrag untersuchte die
Interdependenzen und intermediale Austauschprozesse zwischen der
holländischen Landschaftsmalerei des 16. Jahrhunderts und der
gleichzeitig florierenden Kartographie, die aus einer objektivierten
Perspektive ein Raster über die Räume der bekannten
Welt zog. Der Unterschied etwa zur Ebstorfer Weltkarte mit ihrem
heilgeschichtlichen Standpunkt wurde dabei sehr plastisch. In der
Landschaftsmalerei lasse sich ebenfalls das Streben nach einer
möglichst allgemeingültigen Repräsentation
des Raumes nachweisen, so dass die Darstellungen dieser Phase wie
Überschau-Landschaften anmuteten. Gleichzeitig gebe diese
Landschaftsmalerei oft höchst konzentrierte Momentaufnahmen
wieder, so dass einzelne Szenen im Bild die Erinnerungsleistung des
Betrachters herausforderten, so Michalsky. Überraschenderweise
konnte diese Nähe zur Kartographie in den Bildern selbst
ebenfalls thematisiert werden, wie etwa im Werke Vermeers gezeigt wurde
oder bei einem unbekannten Zeichner, der einen Narren mit einer
Weltkarte vor Augen abbildete.
Die sechste und letzte Sektion wandte sich „Imaginierten
Räumen in kommunikativer Praxis“ zu, um an zwei
Beispielen das „alltägliche
Geographie-Machen“ zu erörtern. Auch hier stellte
sich dies als wechselseitiges Verhältnis dar: Die Produktion
von Raumvorstellungen wurde an die alltägliche Kommunikation
rückgebunden; zugleich strukturierten diese Vorstellungen die
alltägliche Praxis. In seinem Vortrag „Raum ohne
Volk: Zur Imaginationsgeschichte der kolonialen Geographie“
nahm der Literaturwissenschaftler Alexander Honold (Berlin) die
Vermengung von pragmatischen und imaginären Zielen, von
Raumerschließung und -bemächtigung und von
literar-ästhetischen Raumrepräsentation bei der
Kolonialisierung Afrikas in den Blick. Er folgte mehreren deutschen,
österreichischen, aber auch britischen Expeditionen der
1880/90er Jahre, die entlang der Flussläufe zu deren
Ursprüngen und so ins Innere Afrikas vorzudringen versuchten
und dabei der Fiktion des unbesiedelten Raumes nachhingen. Ihrer
kartographischen folgte später die infrastrukturelle
Erschließung des unbekannten, vermeintlich leeren Raumes.
Gleichzeitig fragte der Vortrag nach der Motivik in den Berichten
dieser „pathfinder“, in denen ein Diskurs der
Bewegung — mit wachsender Dynamik dem immer weiter
entschwindenden Horizont entgegen — die kolonialen Interessen
zu verdecken vermochte. Raum wurde als Ressource verstanden, imaginiert
und politisiert zugleich.
In ihrem Vortrag „Zur alltäglichen Verortung von
Kultur in kommunikativer Praxis: Beispiel
‚Ostdeutschland‘“ setzte sich die
Geographin Antje Schlottmann (Jena) zunächst mit
gängigen Überzeugungen sozialwissenschaftlicher
Gegenwartsanalyse auseinander. Die etwa in der
Antiglobalisierung-Bewegung populäre Behauptung einer
entgrenzten Welt, in der Individuen potentiell allen stabilen
Identitätsbezügen verlustig gehen, lebe
zunächst von einem Beobachterstatus außerhalb dieser
„neuen“ Welt. Entgrenzung funktioniere jedoch nicht
ohne Repräsentation des Räumlichen.
Außerdem werde ignoriert, wie stark traditionelle
Bindungsformen fort existieren. Schlottmann zufolge gerieten so
ebenfalls die Versuche der Subjekte aus dem Blick, sich selbst immer
wieder neu zu verorten. Schlottmann interessierte demgegenüber
vor allem die alltäglichen Herstellungsweisen von Raum: Wie
wird Raum in der kommunikativen Praxis „gemacht“?
Reden über Raumverlust kommuniziere vor allem eins:
Raumvorstellungen. Zu welchen praktischen Problemen die
räumliche Selbstverortung, das alltägliche
Geographie-Machen führen können, demonstrierte der
Vortrag mit Beispielen aus den andauernden Debatten über die
deutsche Vereinigung, in denen Ostdeutschland als ein konstanter
Kultur-Raum-Container konstruiert werde.
Zum Abschluss der Tagung fragte der Historiker Christoph Conrad (Genf)
„Noch ein „turn“ — aber in
welche Richtung? Wiederentdeckung des Raumes und Inflation von
Räumen in den Kulturwissenschaften“, gefolgt von
einem Gesamtkommentar des Historikers Peter Becker (Florenz). Conrad
demonstrierte in seinem Vortrag anhand einer statistischen Auswertung
die außerordentliche Karriere, der sich die Begriffe
„space“ und „spatial“ seit dem
Ende der 1980er Jahre im gesamten Feld der Geistes-, Kultur- und
Sozialwissenschaften erfreuen. Ein Teil der Faszination von
Raumkonzepten möge in ihrer merkwürdigen Stellung
zwischen Materialität und Symbolisierungen begründet
sein, wie dies analog auch für die Debatten über
Körper und Körperlichkeit konstatiert werden
könne. Gleichzeitig sah Conrad hier vor allem Auswirkungen der
„postcolonial studies“ und Globalisierungstheorien
im weitesten Sinne, in denen man durch Raumkonzepte den
gängigen, westlichen, modernisierungstheoretischen
Evolutionskonzepten Alternativen entgegen zu stellen trachte. Die
Pluralität der unterschiedlich gewachsenen Räume und
der Selbstverständigungsweisen, die sich in ihnen ausbilden,
trete somit an die Stelle, die einst die Ordnung des Zeitverlaufes
einnahm; nur qua Verräumlichung ließen sich
unterschiedliche Modernitäten pluralisieren. Jenseits solcher
theoriegeschichtlichen Zusammenhänge seien aber die
praktischen Vorteile von Raumkonzepten nicht zu unterschätzen:
In der Ordnung eines Raumes könnten ganz unterschiedliche
Informationen organisiert werden.
Ein ständig wiederkehrendes Element in der Schlussdiskussion
war das Verhältnis von Materialität, Symbolisierung
und sozialer Praktik im Raumbegriff. Auch wenn ein semiotisches
Verständnis von Raum schwerlich von der Hand zu weisen ist,
Räume insofern immer auch diskursiv produziert und mit
Bedeutung aufgeladen werden, so zeigte sich in vielen Diskussionen auf
der Tagung doch ein anderes Verständnis von Raum: Raum als
materielle Gegebenheiten für und gleichzeitig Ergebnis von
individuellem und kollektivem Handeln. Ist Raum —
ähnlich wie es für den Körper in den
theoretischen Debatten der Körper- und Geschlechtergeschichte
diskutiert wurde — ein Jenseits des Diskurses? Hier
demonstriert der Kommunikationsbegriff seine Bedeutung für
Raumkonzepte, verweist er doch auf die Wechselseitigkeit von Struktur
und Handlung (Anthony Giddens): Raum vermittelt sich strukturell dem
Handelnden als etwas Kommuniziertes; der Handelnde kommuniziert
über die räumlichen Strukturen, erschließt
sie durch die Bereitstellung von (auch materieller)
Kommunikationsinfrastruktur und produziert räumliche
Bezüge dadurch täglich neu.
Insgesamt wurde in den unterschiedlichen thematischen und
disziplinären Zusammenhängen deutlich, wie sinnvoll
es ist, Raum und Kommunikation in ein solches wechselseitiges
Verhältnis zu stellen. Verschiedene Aspekte aus
Vorträgen (wie „Virtualität des
Raumes“ (Haas)) oder Diskussionen (Raum als Relation) zeigten
gleichfalls, dass man Raum von Kommunikationsbeziehungen und
-situationen aus zu begreifen hat. Umgekehrt verdeutlichten nicht
zuletzt einige sprachanalytische Überlegungen (etwa bei
Konitzer), dass Kommunikation ohne räumliche Bezugnahme
unmöglich ist. Von hier aus verwundert es nicht, dass in der
gegenwärtigen Diskussion unter Geographen den
alltäglichen Praktiken des Verräumlichens besondere
Aufmerksamkeit gewidmet wird. In der Verbindung mit dem
Kommunikationsbegriff dürfte folglich eine Chance liegen, die
prekäre Einheit im Raumbegriff zu sichern.
Zusätzlicher Reflexion bedarf es hingegen im Falle eines
weiteren Tagungszieles, nämlich Raum als Kategorie einer
Kommunikationsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts zu verstehen.
Einige diesbezügliche Aspekte wurden gleichwohl
erörtert, zum Beispiel inwieweit in der langen
Jahrhundertwende neue Kommunikationsräume entstanden, welche
wiederum neue Kommunikationstechniken und -stile erforderten
— und umgekehrt. Die gesteigerte Mobilität von
Informationen, Gütern und Personen durch die Verbesserungen
von Kommunikations-, Transport- und Beförderungstechniken
machten nicht etwa die räumlichen Bezüge unwichtiger;
im Gegenteil gehörte es zu einem immer bedeutsameren
Bestandteil alltäglicher Praxis, sich im Raum exakt zu
situieren. Territoriale Identität verstand sich immer weniger
von selbst. Von hier aus mag man auch eine Antwort auf die Frage
versuchen, warum Menschen Raumbezüge herstellen, wenn sie
mobil telefonieren. Man muss nicht nur wissen, mit wem man spricht,
sondern auch, wo man kommuniziert. Jemanden überall erreichen
zu können, bedeutet nicht nur, dies möglicherweise im
falschen Moment zu versuchen, sondern auch am falschen Ort. Zu
klären, wo man ist, wenn man kommuniziert, wirkt sich auf das
aus, worüber man kommunizieren möchte. Raumlose
Kommunikation ist schlicht unmöglich.
Aufgrund der enormen Resonanz auf die Tagung, der Aktualität
ihrer Thematik und der durchgängigen Qualität der
Beiträge ist eine Publikation der Tagungsergebnisse in
Buchform vorgesehen und wird gegenwärtig vorbereitet.
Alexander C.T. Geppert,
Uffa Jensen, Jörn Weinhold
[Eine kürzere Fassung dieses Berichtes wurde am 29.4.2003 im
Internet-Forum
H-Soz-u-Kult
publiziert.]