XVII
Medien und Emotionen:
Zur Geschichte ihrer Beziehungen seit dem 19. Jahrhundert
Institut für Soziale Bewegungen
Bochum, 25. - 27. Februar 2005
Konzept und Organisation:
Frank Bösch und Manuel Borutta
in Kooperation mit der Werner Reimers Stiftung
Seit Herbst 2003 ist Emotionen/Geschichte das neue Rahmenthema des
Arbeitskreises Geschichte+Theorie. Dies ist die erste
größere und öffentliche Konferenz in einer
Reihe von Tagungen, die zum Themenkomplex organisiert werden wird.
I. Thema
Die Beziehung von Medien und Emotionen ist umstritten. Ein klassischer
Topos der Medienkritik lautet etwa, dass Medien durch das
Schüren von Emotionen unkontrollierbare Affekte
auslösten und hierdurch rationale Debatten und Entscheidungen
unterliefen. Auch der Zusammenhang medialer Gewaltdarstellungen und
gewaltsamer Handlungen wird in der Öffentlichkeit immer wieder
diskutiert. Die geplante Tagung soll die häufig postulierte,
aber von der Geschichtswissenschaft bislang kaum erforschte Beziehung
von Medien und Emotionen in historischer Perspektive untersuchen,
vornehmlich am Beispiel von Massenmedien. Sie fokussiert Aussagen
über das Verhältnis von Medien und Emotionen,
Repräsentationen von Emotionen in Medien sowie Emotionen, die
von Medien anscheinend ausgelöst wurden oder mit ihnen in
Verbindung standen. Emotionen werden dabei vorläufig bewusst
weit als kommunikative Äußerungen
körperlicher und psychischer Empfindungen gefasst, deren
Artikulation in Text, Bild und Ton kontextabhängig und damit
wandelbar ist.
Das Untersuchungsspektrum der Tagung umfasst vier Dimensionen. Erstens
soll die Reflexion des Zusammenhangs von Medien und Emotionen
thematisiert werden, die nicht zuletzt in den Medien selbst stattfand:
von publizistischen Debatten des 19. Jahrhunderts bis hin zur Medien-
und Kommunikationswissenschaft der letzten Jahrzehnte. Zweitens wird
gefragt, wie Medien Emotionen repräsentierten. Insbesondere
anhand von Bildmedien, aber ebenso an auditiven und typographischen
Medien soll herausgearbeitet werden, wie Emotionen dargestellt wurden.
Drittens soll diskutiert werden, auf welche Weise die Medien bei ihren
Nutzern kollektive oder individuelle Emotionen auslösten:
Erzeugten Medien Emotionen, und welche Folgen hatte dies im Hinblick
auf konkrete Kontexte und Ereignisse? Generierten Medientechniken und
-formate neue emotionale Zustände? Beeinflusste die
historische Produktion bestimmter Emotionen umgekehrt die Nachfrage und
Nutzung von Medien? Viertens nimmt die Tagung die Mediennutzer in den
Blick. Um das Wechselverhältnis von Emotionen und Medien zu
untersuchen, wird gefragt, aus welchen Verwendungsweisen heraus Medien
spezifische Emotionen produzierten. Wie prägten etwa soziale
Räume, in denen Medieninhalte angeeignet wurden, emotionale
Äußerungen? Welche Medienkompetenzen waren
erforderlich? Inwiefern veränderte sich das Spektrum der
Mediennutzer?
Programm
Freitag, 25. Februar 2005
13.00-14.30
Perspektiven der Geschichts- und
Medienwissenschaften
KLAUS TENFELDE (Bochum):
Begrüßung
FRANK BÖSCH (Bochum)/MANUEL BORUTTA (Berlin):
Medien und Emotionen: Historische Zugänge
VINZENZ HEDIGER (Bochum):
Film und Emotion: Medienwissenschaftliche Ansätze
15.00-16.30
Medien und Rezeption
CHRISTIANE VOSS (Berlin):
Cinästhetische Körper: Affekt und Illusion im Kino
PATRICK VONDERAU (Bochum):
Ökonomien der Gefühle: Genres als Optimierung von
Gratifikationen
Diskussionsleitung: JENS EDER (Hamburg)
17.00-19.00
Film und Sentimentalität
HERMANN KAPPELHOFF (Berlin):
Die Tragödie der einfachen Seele: Sentimentaler Genuss als
Matrix moderner Unterhaltungskultur
ASTRID POHL (Marburg):
„Weinen ist ungöttlich“: Das Melodram
zwischen Nationalsozialismus und früher Nachkriegszeit
Diskussionsleitung: CAROLA DIETZE (Göttingen)
Samstag, 26. Februar 2005
9.30-11.15
Gewalt und Verbrechen
MANUEL BORUTTA (Berlin):
Sex Crimes: Repräsentationen klerikaler Sexualität im
19. Jahrhundert
DANIEL SIEMENS (Berlin):
„Jahrhundertprozesse“: Gerichtsberichterstattung
über Sensationsprozesse in der Zwischenkriegszeit in Chicago,
Paris und Berlin
Diskussionsleitung: UFFA JENSEN (Sussex)
11.30-13.15
Diktatur und Liebe
ALEXANDER C.T. GEPPERT (Essen):
„Mein Herzensadolf!“ Liebe zu Hitler und anderen
europäischen Diktatoren
JAN C. BEHRENDS (Potsdam):
Freundschaft zur Sowjetunion, Liebe zu Stalin: Die Vermenschlichung des
Politischen in Osteuropa (1948-1955)
Diskussionsleitung: ALEXA GEISTHÖVEL (Berlin)
14.30-16.15
Krieg und Emotionen
JAN PLAMPER (Tübingen):
Erfahrung und Emotion: Medialisierung von Angst im russischen
Militär zwischen Balkankrieg und Ersten Weltkrieg
FRANK BÖSCH (Bochum):
Kampf um Emotionen: Krieg und Film im 20. Jahrhundert
Diskussionsleitung: DANIEL MORAT (Göttingen)
16.45-18.30
Trauer und Hoffnung
HABBO KNOCH (Göttingen):
Vergemeinschaftung durch Verlust: Trauer und Massenmedien im 20.
Jahrhundert
MICHAEL STOLLE (Karlsruhe):
Kriegsgefangenschaft im Radio: Verlaufsformen einer emotionalen Debatte
Diskussionsleitung: TILL KÖSSLER (München)
Sonntag, 27.2.2005
9.00-10.30
Staatsbildung und Gefühl
CRISTOPH CLASSEN (Potsdam):
Medium ohne Emotion? Radio in der DDR
RUDOLPH OSWALD (München):
„Emotionale Volksgemeinschaften“: „Das
Wunder von Bern“ 1954 als Rundfunkereignis in Ungarn und
Deutschland
Diskussionsleitung: HELKE STADTLAND (Bochum)
11.00-12.30
Terror und Genozid
ANNETTE VOWINCKEL (Berlin):
Die Angst des Zuschauers vor dem Terroristen:
Flugzeugentführung als Doku-Soap am Beispiel von Entebbe und
Mogadischu
KAREN KRÜGER (Bielefeld):
Die mediale Konstruktion des Feindes: Der Genozid in Ruanda
Diskussionsleitung: MEIKE VOGEL (Essen)
12.30-13.00
SABINE MAASEN (Basel):
Medien und Emotionen: Ergebnisse und Perspektiven der Tagung
Tagungsbericht
Der emotional turn hat mit einiger Verzögerung auch die
Geschichtswissenschaft erfasst. Bislang wurden Emotionen vornehmlich
für die Zeit bis zum 19. Jahrhundert untersucht. Neuerdings
steht das 20. Jahrhundert im Fokus der Forschung. Überraschend
unterbelichtet ist dabei indes noch immer die Rolle moderner Medien bei
der Organisation und Kommunikation von Gefühlen, obwohl diese
in öffentlichen Debatten der Gegenwart immer wieder
für das Schüren bestimmter Emotionen verantwortlich
gemacht werden – etwa im Hinblick auf die Genese von Gewalt.
Die Medialität von Emotionen und die Emotionalität
von Medien standen daher im Zentrum einer von der Werner Reimers
Stiftung geförderten Tagung unter Leitung von Frank
Bösch und Manuel Borutta. Drei Tage lang erkundeten
Medienwissenschaftler und Historiker im interdisziplinären
Dialog die historische Beziehung von Medien und Emotionen in der
Moderne.
Welches waren die medienwissenschaftlichen Angebote? Als
operationalisierbar für die historische Analyse erwies sich
der Begriff der ‚medialen’ Emotion in Abgrenzung
von ‚realen’, d.h. nichtmedialen Emotionen, den der
Medienwissenschaftler Vinzenz Hediger (Bochum) in einem
filmtheoretischen Überblick zum Thema einführte.
Schnell enthüllte indes gerade dieser Begriff auch die
unterschiedlich akzentuierten Erkenntnisinteressen beider Disziplinen:
Während Historiker meist nichtmediale Ursachen und Folgen
medialer Emotionen privilegieren, rücken Medienwissenschaftler
die mediale Emotion selbst in den Mittelpunkt.
Unter dem Stichwort vom ‚Zuschauer als filmischem
Leihkörper’ konturierte die Philosophin Christiane
Voss (Berlin) einen Idealtypus gelingender Kinorezeption, die der
Hypnose ähnelt. Der Theaterwissenschaftler Hermann Kappelhoff
(Berlin) plädierte dafür, Emotionen als Artefakte zu
begreifen, die selbst zu Objekten werden können wie in der
Glocke von Friedland, dem Symbol der deutschen Kriegsheimkehrer, deren
Ankunft im Radio pathetisch trauernd bis aggressiv lakonisch zelebriert
wurde, wie Michael Stolle (Karlsruhe) zeigte. Auch der Torschrei
Herbert Zimmermanns während des WM-Finales 1954 lässt
sich als vergegenständlichte Emotion fassen, die –
abgelöst vom Körper des Reporters, durch rituelle
Wiederholung – ex post eine ‚emotionale
Volksgemeinschaft’ beschwor, die unmittelbar nach dem
sportlichen Triumph der Herberger-Elf kaum existiert haben
dürfte. In Ungarn zeitigte dasselbe mediale Ereignis eher
kurzfristige, zudem diametral entgegengesetzte Folgen: Rudolf Oswald
(München) zufolge führte die bloße
Andeutung des ungarischen Radiokommentators, das Spiel könne
verschoben worden sein, hier zu Ausschreitungen gegen staatliche
Funktionäre. Der mutmaßliche Verrat von oben stand
so zumindest indirekt in Verbindung mit dem Volksaufstand von 1956.
In emotionshistorischer Perspektive relativierte die Tagung
gängige Großnarrative. Vor allem die These einer
‚Disziplinierung der Gefühle’ (Elias,
Stearns u.a.) hielt der historischen Analyse einzelner Medien kaum
stand. So demonstrierte Frank Bösch (Bochum), dass Kriegsfilme
die Kinozuschauer im 20. Jahrhundert keineswegs in ihre Kinosessel
niederdrückten, sondern vielfältige Emotionen
auslösten, die von den Produzenten nicht immer intendiert
waren. Auf filmischer Ebene wiesen sie jene Emotionalisierung von
Männlichkeit auf, die Habbo Knoch (Göttingen) auch am
Beispiel massenmedialer Trauer ausmachte. Als nach wie vor erhellend
erwies sich hingegen Foucaults These einer ‚Diskursivierung
des Sexes’, an der nicht nur multimediale
Repräsentationen klerikaler Sexualität im 19.
Jahrhundert beteiligt waren, wie Manuel Borutta (Berlin) zeigte,
sondern etwa auch die Gerichtsreportage der Zwischenkriegszeit, die
Daniel Siemens (Berlin) am Beispiel von Sensationsprozessen in Berlin,
Chicago und Berlin behandelte.
Welche Emotionen wurden in Medien kommuniziert und
organisiert? In den Tagungsbeiträgen reichte das
Spektrum von Angst, Hass und Ekel über
Sentimentalität, Liebe und Treue bis hin zu Trauer und
Euphorie. Jan Plamper (Tübingen) thematisierte mediale
Strategien des russischen Militärs zur Bekämpfung
soldatischer Angst im Zarenreich. Jan Behrends (Potsdam) rekonstruierte
die Vermenschlichung des Politischen im Stalinismus. Der Diskurs
kollektiver Liebe zum Diktator erfasste hier, wenngleich mitunter
ironisch gebrochen, auch die Aussagen von Oppositionellen und Exilanten
und floss so noch in die Genese der Totalitarismustheorie mit ein. Ein
weiteres Beispiel der propagandistischen Instrumentalisierung von
Medien lieferte Karen Krüger (Bielefeld), die die
Verantwortung der Sendungen des staatlichen Radiosenders in Rwanda
für den Genozid an den Tutsi im Jahre 1994 herausarbeitete.
Annette Vowinckel (Berlin) demonstrierte hingegen das
ästhetische Scheitern cinematographischer
Repräsentationen von Flugzeugentführungen der 70er
Jahre. Deutlich wurde der Mehrwert einer Verknüpfung von
Medien- und Emotionsgeschichte nicht zuletzt in den Beiträgen
zur NS-Zeit: Alexander Gepperts (Essen) Analyse massenhafter weiblicher
Liebesbriefe an Adolf Hitler und Astrid Pohls (Marburg) Interpretation
nationalsozialistischer Arztmelodramen zwischen Ideologie und
Sentimentalität führten den Nutzen einer
emotionshistorischen Ergänzung der NS-Forschung vor.
Die Tagung demonstrierte die Ergiebigkeit sorgfältiger Medien-
und Rezeptionsanalysen für die
‚allgemeine’ historische Forschung. Trotz eines
bewusst eng gehaltenen Medienbegriffs, der Massenmedien privilegierte,
wurde immer wieder auch deren historische Beziehung zu älteren
Medien sichtbar, etwa des Kinos zum Theater der Empfindsamkeit. Da
diese älteren Medien (Theater, Briefe, Romane, Karikaturen) in
der Praxis der Analyse ähnlich gehandhabt wurden, liegt eine
Übernahme medienhistorischer Fragen und Kategorien durch die
allgemeine Geschichte nahe. Vielleicht sollten Historiker daher
künftig stärker als bislang die Medialität
ihrer Quellen reflektieren und sie als Medien behandeln. Hier
lässt sich von Medienwissenschaftlern lernen. Zugleich sollte
sich die Mediengeschichte und -wissenschaft nicht allein auf das 20.
Jahrhundert konzentrieren, sondern im Sinne einer Mediengenealogie
weiter zurückgreifen. Gerade die Geschichte der Emotionen
erscheint hierfür als geeignetes Feld.
Eine Publikation der Tagungsbeiträge ist in Vorbereitung.
Manuel Borutta,
Frank Bösch