XXIII
Unbegreifliche Zeiten.
Wunder im 20. Jahrhundert
Essen, 18. - 21. März 2009
Auf den ersten Blick scheinen Wunder nicht mehr in das 20. Jahrhundert
zu passen. Als Folge der viel zitierten 'Entzauberung' sind die
überkommenen Wunderwelten aufgrund einer nie zuvor gesehenen
Proliferation von Wissen und der Einbeziehung selbst entlegener Gebiete
in immer dichter werdende Kommunikationsnetze vermeintlich an den Rand
gedrängt worden. Und doch verwundert der anhaltende Gebrauch
des Begriffs in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten: Vom
"Wunder von Bern" bis zum "Wirtschaftswunder", von "Wunderwaffen" bis
zu "Wunderheilungen", von "Wundern der Technik" bis zu "wonder bras":
Wunder sind aus der Moderne nicht wegzudenken. Ganz offenkundig stellt
die Zuschreibung eines 'Wunders' noch immer eine zentrale Form der
Verarbeitung und Aneignung ungewöhnlicher Ereignisse und
außeralltäglicher Erfahrungen dar.
Die Konferenz beruht auf der Annahme, dass die Beschäftigung
mit Wundern neue Perspektiven auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts
erschließt. Der Begriff des Wunders erlaubt es, das
Exzeptionelle in modernen Gesellschaften, ihre soziale Konstituierung,
Normalitätsannahmen und Wissensgrenzen zu thematisieren. Die
Tagung beabsichtigt, den in dem Begriff kristallisierten Ereignissen,
Wahrnehmungen und Praktiken nachzuspüren. Dabei gilt es,
einerseits vom deutlichen Innovationsvorsprung der Forschungen zu
mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Wunderwelten zu
profitieren, andererseits
den Fortgang kontroverser Debatten um die Wiederverzauberung der Welt,
die Epistemologie des Übersinnlichen und die Geschichte
westlicher
Esoterik im 19. Jahrhundert in der Zeitgeschichte zu verfolgen.
Zugleich knüpft die Konferenz an das aktuelle historische
Interesse an Transformationen des Religiösen an, geht dabei
über
das Feld der Religionsgeschichte im engeren Sinne jedoch hinaus. Schon
im Mittelalter waren Wunder keineswegs auf den Bereich des
Religiösen
(miracula) beschränkt, sondern umfassten ebenfalls Natur- und
weltliche
Wunder (prodigia bzw. mirabilia). Entsprechend steht nicht die Frage
nach einer vermeintlichen Profanisierung des Wunders, sondern der
Umgang mit wunderhaften Begebenheiten innerhalb der zugleich
religiösen
und säkularisierten Denk- und Wissenssysteme des 20.
Jahrhunderts
im Zentrum.
Die Tagung findet von Mittwoch, 18. März, bis Samstag, 21.
März 2009, in Essen statt (Bildungshotel im Bfz,
Karolingerstraße 92,
D-45141 Essen, "Raum Nixdorf"). Sie wird von Alexander C.T. Geppert
(Cambridge/Berlin) und Till Kössler (München)
geleitet und in
Zusammenarbeit mit dem Kulturwissenschaftlichen Institut (KWI), der
Gerda Henkel Stiftung und dem Arbeitskreis Geschichte+Theorie (AG+T)
veranstaltet. Zu den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zählen
Martin Baumeister
(München), Eberhard Bauer (Freiburg i.Br.), Friedrich Jaeger
(Essen), Benjamin Lazier (Portland), Claus Leggewie (Essen), Alf
Lüdtke
(Erfurt), Paul Nolte (Berlin), Diethard Sawicki (Paderborn), Uwe
Schellinger (Freiburg i.Br.), Gabriela Signori (Konstanz) und Helmut
Zander (Berlin).
Teilnahme nach Anmeldung per e-Mail bei den Veranstaltern begrenzt
möglich.
Alexander C.T. Geppert
Harvard University/Freie Universität Berlin
alexander.geppert@fu-berlin.de
Till Kössler
till.koessler@lmu.de
Bei technischen Fragen zuständig im KWI:
Frau Maria Klauwer, +49 (201) 7204-153
maria.klauwer@kwi-nrw.de
bildungshotel-essen.de/anfahrt
Programm
Mittwoch, 18. März 2009
18.00
Begrüßung
Claus Leggewie (Essen)
18.15 - 19.00
Öffentlicher
Abendvortrag
Gabriela Signori (Konstanz): Orts-Wechsel. Theorie und Praxis des
Wunders von der Antike bis ins 20. Jahrhundert
Donnerstag, 19. März
2009
09.00 - 09.30
Einführung
Alexander C.T. Geppert/Till Kössler: Wunder der
Zeitgeschichte. Transzendenz und die Grenzen des Wissens im 20.
Jahrhundert
09.30 - 10.15
Sektion I: Bibelwunder
Ruben Zimmermann (Bielefeld): Wen wundert was? Die hermeneutische
Konstruktion der Wunder Jesu in der Bibelauslegung des 20. Jahrhunderts
10.30 - 12.00
Sektion II: Religionswunder
Bernadett Bigalke (Erfurt): „Wunder” im
alternativreligiösen Milieu Leipzigs um 1900
Helmut Zander (Berlin): Marienerscheinung in Sievernich (2000-2005).
Kontextualität als Plausibilitäts- bedingung
wunderbarer Erfahrungen
Nils Freytag (München): Kommentar
14.00 - 15.30
Sektion III: Naturwunder
Eva Johach (Berlin): Wunder des Instinktes. Zur Kollektivpsychologie
von Insektengesellschaften im frü- hen 20. Jahrhundert
Natascha Adamowsky (Berlin): Wunder des Meeres. Kultur- und
medienästhetische Überlegungen zu William Beebes
„A Half Mile Down”
Uffa Jensen (Berlin): Kommentar
16.00 - 17.30
Sektion IV: Medienwunder
Alexander Gall (München): Wunder der Technik, Wissenschaft und
Natur. Zur Vermittlungsleistung eines Topos in den Medien
Tobias Becker (Berlin): „Das Mirakel.” Religion und
Moderne im populären Theater (1911-1932)
Niels Werber (Dortmund): Kommentar
17:45 - 18:30
Sektion V: Politische Wunder
Sonja Lührmann (Ann Arbor): Wunder ohne Wunder. Die
Säkularisierung des Staunens in der sowjeti- schen
Atheismuspropaganda
Moritz Föllmer (Leeds): Kommentar
Freitag, 20. März 2009
9:00 - 10:30
Sektion VI: Moderne Wunder
Falko Schmieder (Berlin): Unfassliches Produzieren. Zur politischen
Epistemologie des Wunderbegriffs im 20. Jahrhundert
Ina Schmied-Knittel (Freiburg): Alltägliche Wunder.
‚Übernatürliche’ Erfahrungen in
der Gegenwart
Friedrich Jaeger (Essen): Kommentar
11.00 - 12.30
Sektion VII: Wunderwirker
Susanne Michl (Berlin): Der Arzt als Wunderheiler. Heilkonzepte in der
Medizin im 20. Jahrhundert in Deutschland und Frankreich
Diethard Sawicki (Paderborn): Das „Wunder des
Lebens” unter dem Mikroskop: Wilhelm Reichs Bion- experimente
im Kontext von Visualisierungstechniken und Lebenswissenschaften,
1930-1950
Alf Lüdtke (Erfurt): Kommentar
14.30 - 16.00
Sektion VIII:
Nachkriegswunder
Rajah Scheepers (Hannover): Persistenz des Wunderbaren. Die Rede vom
Wunder in einer protestantischen Institution zwischen 1921 und 1972
Günter Riederer (Marbach): „Hier in Wolfsburg kann
man das Wunder sehen.” Volkswagen und das deutsche
Wirtschafswunder im Industriefilm der 1950er und 1960er Jahre
Paul Nolte (Berlin): Kommentar
16.30 - 18.00
Sektion IX: Neue Wunder
Uwe Schellinger (Freiburg): Kaum zu fassen. Die spezifische Problematik
der historischen Überlieferung paranormaler Erfahrungen
Markus Hero (Bochum): Wunderglaube und neue Religiosität. Ein
institutionentheoretischer Vergleich von Charismatischer Bewegung und
Esoterikangeboten
Pascal Eitler (Berlin): Kommentar
Samstag, 21. März 2009
09.30 - 11.00
Sektion X: Virtuelle
Wunderwelten
Hendrik Pletz (Köln): Die Entzauberung des Phantastischen. Der
pädagogische Videodiskurs der 1980er Jahre
Christian Hoffstadt (Karlsruhe): Auferstehung und Zaubertechnik. Zur
Verknüpfung von Magie, Glaube und Technik in der
„World of Warcraft”
Nina Verheyen (Berlin): Kommentar
11.00 - 12.00
Schlusskommentar
Martin Baumeister (München)
12.00
Tagungsende
13.30-16.00 Interne Arbeitssitzung des AG+T
Tagungsbericht
Entgegen der weit verbreiteten Annahme, dass
‚Wunder‘ ausschließlich in der Vormoderne
zu finden seien, stellte die Tagung Wunder im 20. Jahrhundert in den
Mittelpunkt. Sie war von der These geleitet, dass die
Beschäftigung mit Wundern einen neuen Blick auf die Geschichte
des 20. Jahrhunderts ermögliche. Zu den leitenden
Fragestellungen zählten Überlegungen, was eigentlich
unter einem „Wunder im 20. Jahrhundert“ zu
verstehen sei, ob es auch säkulare Wunder gebe, und was
Humanwissenschaftler Neues über das 20. Jahrhundert lernen
könnten, wenn es durch die Brille der Wunderforschung gesehen
wird. Die Tagung wurde in Zusammenarbeit mit dem
Kulturwissenschaftlichen Institut (KWI) und dem Arbeitskreis Geschichte
+ Theorie (AG+T) ausgerichtet und durch die Gerda Henkel Stiftung
gefördert.
Eröffnet wurde die Konferenz durch einen Abendvortrag der
Mediävistin GABRIELA SIGNORI (Konstanz), die aufzeigte, dass
sich Wunderzuschreibungen auch in der Moderne halten. Zum ersten Mal
wurde hier jene Aufforderung formuliert, welche die Tagung durchziehen
sollte: Die Wissenschaft solle von der verbreiteten Stereotypisierung
Abstand nehmen, die ‚den’ irrationalen
mittelalterlichen Menschen einer vermeintlich rationalen Moderne
gegenüberstellt. Mittelalterliche Menschen waren nicht
anfälliger für Wunderfrömmigkeit als
Menschen in der Moderne, vielmehr koexistierte die Rede vom Wunder
bereits im Mittelalter mit Wunderkritik. Darüber hinaus
explodierte die Anzahl an Wunderberichten gerade nach der Reformation,
nicht zuletzt, weil im Rahmen interkonfessioneller Polemik mit Wundern
für den alten Glauben geworben wurde. In der Moderne habe es
schließlich mehr Wundergläubigkeit denn je gegeben.
Allerdings sei es seit dem Spätmittelalter zu einer
fortschreitenden Veralltäglichung von Wundern sowie zu einer
Verlagerung des Wunders von heiligen Orten in das menschliche
Vorstellungsvermögen gekommen. Umkehrt proportional zur
gestiegenen Wundergläubigkeit verhalte sich, so Signori,
jedoch die Forschungslage: Offensichtlicht sei die akademische Welt der
Ansicht, dass die Wunderthematik für die zeithistorische
Forschung keine Relevanz habe. Gabriela Signori zeigte sich daher
erfreut, dass die Tagung auf eine Revision dieses Geschichtsbildes
abzielte.
Der zweite Tag begann mit der Einführung der
wissenschaftlichen Leiter der Tagung, ALEXANDER GEPPERT (Cambridge,
MA/Berlin) und TILL KÖSSLER (München). Sie machten
deutlich, dass eine allgemein angenommene Verfallsgeschichte des
Wunders in der Moderne keineswegs zu verzeichnen ist. Geppert und
Kössler votierten gegen eine stereotype Dichotomisierung,
welche die Vormoderne als „verzaubert“ und die
Moderne als „entzaubert“ begreift. Die anhaltende
Konjunktur des Begriffs zeige bereits dessen Relevanz. Daher solle man
besser von einer Neukontextualisierung des Wunders sprechen. Zudem
verursache eine scharfe Trennung von 'säkular' und
'religiös' schon in der Vormoderne Probleme und sei erst recht
im 20. Jahrhundert unhaltbar. Geppert und Kössler schlugen
vor, Wunder an der Schnittstelle von Religions-, Wissens- und
Kulturgeschichte zu platzieren, um Aufschlüsse über
das Interagieren unterschiedlicher Diskussions- und Handlungsfelder zu
ermöglichen. Die Erforschung der westlichen Esoterik des 19.
und 20. Jahrhunderts könnte einen Anknüpfungspunkt
bilden, da sie bereits die intensive Verwobenheit okkultistischer
Denksysteme mit allgemeineren Problemen der Zeit aufgezeigt hat.
Schließlich wurden fünf Merkmale zur Definition
eines „Wunders“ zur Diskussion gestellt: erstens
die Singularität des Ereignisses, zweitens die
Erklärung des Unerklärlichen, drittens den Bezug auf
Transzendenz, viertens die Überindividualität und
fünftens die positive Konnotation.
Anschließend lieferte der evangelische Theologe RUBEN
ZIMMERMANN (Bielefeld/Mainz) einen Überblick über die
Auslegungsgeschichte der Wunder Jesu in der Bibelauslegung des 19. und
20. Jahrhunderts. Entgegen der wohl nahe liegenden Erwartung
präsentierte Zimmermann das Wunder nicht als Lieblings-,
sondern als „Problemkind“ der Theologie. Der Umgang
mit diesem Problemkind habe jedoch eine produktive Kraft entfaltet,
sodass es sich als ein wichtiger Motor für die
Theologiebildung erwiesen hat. So seien die verschiedenen Theologien
des 20. Jahrhunderts auch durch die Beschäftigung mit den
biblischen Wundern entstanden.
In der Sektion „Religionswunder“ beleuchtete
BERNADETT BIGALKE (Erfurt) „Wunder“ als festen
Bestanteil im Diskurs des alternativreligiösen, besonders des
theosophischen Milieus Leipzigs im Kaiserreich um 1900. HELMUT ZANDER
(Berlin) votierte für eine kontextuelle Deutung von
wunderbaren Erfahrungen, wie er sie exemplarisch für
Marienerscheinungen im Eifeldorf Sievernich (2000-2005) vornahm. Diese
Erscheinungswunder lassen sich zunächst als laientheologischer
Protest gegen das Zweite Vatikanum und dessen Reformtheologie
begreifen. In weiterer historiographischer Perspektive können
Marienerscheinungen als Versuche der empirischen Objektivierung
religiöser Erfahrungen gelesen werden, nachdem eine
kosmologische Neudefinition des Himmels im 18. Jahrhundert Diesseits
und Jenseits radikal voneinander getrennt hatte. Somit stellen die
Marienerscheinungen auch eine Reaktion auf die naturwissenschaftliche
Epistemologie des 19. Jahrhunderts und ihrer Forderung nach
Objektivität dar.
Es folgten zwei Beiträge zur Verhandlung des Wunderbaren in
den Naturwissenschaften. EVA JOHACH (Berlin) zeigte anhand des
biologischen Diskurses über den wundersam anmutenden
kollektiven Sozialinstinkt von Termitengesellschaften, dass die
Wunderrhetorik auch noch nach Darwin naturwissenschaftliche Arbeiten
strukturierte. Sie machte deutlich, dass viele Wissenschaftler der
Versuchung erlagen, eine unsichtbare geistige Steuerungsinstanz hinter
dem geordneten Chaos in Insektengesellschaften zu vermuten
(„psychische Emergenz“), oft lokalisiert in der
Königin als zentraler Instanz einer Kollektivseele. NATASCHA
ADAMOWSKY (Berlin) thematisierte in ihrem Beitrag anhand der 1934
für Furore sorgenden Entdeckungen des Tiefseetauchers William
Beebe die Probleme und Funktionen, das Unaussprechliche
medienästhetisch darzustellen.
In keinem anderen Bereich scheint die Rede vom Wunder wohl unpassender
als in dem der Technik. Dennoch ist der Topos des „Wunders
der Technik“ offensichtlich ein zentrales Wahrnehmungsmuster
für technologische Innovation. Gemäß der
Hauptthese von ALEXANDER GALL (München) ist die Rede von der
Erhabenheit technischer Errungenschaften durch die Medien mit der
Strategie verbunden, ihr Publikum zu entlasten. Die Medien versuchen
dies, so Gall, indem sie die Aufmerksamkeit weg von den komplexen und
für das breite Publikum ohnehin kaum verständlichen
Details hinter den technischen Errungenschaften auf den
Ausnahmecharakter derselben lenken. Dass auch die moderne Technik auf
solche Popularisierungsstrategien der
„Wiederverzauberung“ angewiesen ist, sichert der
Rede vom „Wunder der Technik“ ihren Ort in der
Moderne. Im Anschluss zeigte TOBIAS BECKER (Berlin) anhand einer
Analyse des großen internationalen Erfolgs des
Theaterstücks „Das Mirakel“ (Premiere
1911), welches auf einer mittelalterlichen Marienlegende basiert, die
andauernde Bedeutung des Wunders in der kollektiven Imagination des 20.
Jahrhunderts.
In der Politik spielten Wunder hingegen eine Rolle in der
System(de-/)stabilisierung. So analysierte SONJA LÜHRMANN (Ann
Arbor) in ihren Ergebnissen widersprüchliche Versuche der
sowjetischen Atheismuspropaganda zwischen den 1950er- und
1970er-Jahren, eindeutige Grenzen zwischen religiösen und
technisch-naturwissenschaftlichen Wundern zu ziehen.
Der dritte Tagungstag wurde durch FALKO SCHMIEDER (Berlin)
eröffnet. Im Einklang mit dem Tagungstenor warnte auch er in
einem inspirierenden Beitrag vor der traditionellen Konzeption, Wunder
einer strikt irrational-religiösen Sphäre zuzuordnen
und sie somit dem rational-naturwissenschaftlichen Weltbild
gegenüberzustellen. Vielmehr provozieren gerade die
sensationellen Neuerungen der Moderne eine Ausweitung des
Wunderbegriffs. Dieser sei transloziert worden und habe seinen Ort nun
in der Kluft zwischen Erwartungshorizont und Erfahrungsraum gefunden
– dort, wo utopische, futuristische Momente durch die
technischen Neuerungen in die Gegenwart geholt werden. Damit erweise
sich der Wunderbegriff als eine für die Moderne
unhintergehbare Kategorie.
Eine sozialwissenschaftliche Sichtweise auf parapsychologische Wunder
präsentierte INA SCHMIED-KNITTEL (Freiburg). Sie stellte
zentralen Befunde einer empirischen Studie zum Thema
„Alltägliche Wunder“ vor. Zum einen seien
Alltagswunder (Außersinnliche Wahrnehmung,
Déjà vus, Spuk usw.) weit in der
Bevölkerung verbreitet, 73 Prozent der Deutschen
gäben an, ein solches bereits erlebt zu haben. Die weite
Verbreitung gehe jedoch nicht mit einer
religiös-transzendenten Deutung der Wundererfahrungen einher:
Es dominieren, zunächst überraschend,
Erklärungs- und Bewältigungsversuche, die sich an
wissenschaftliche Erkenntnisse anlehnen. Schließlich konnte
ein weiteres Paradox festgestellt werden: Obwohl Alltagswunder weit
verbreitet und fester Bestandteil der Kultur sind, findet die
kommunikative Verhandlung über Alltagswunder nur vorsichtig
und in einem geschützten Rahmen statt. Der Grund
dafür läge an der medialen Stigmatisierung dieser
Erfahrungen als unorthodox und der häufigen Pathologisierung
der Erfahrungsträger.
In der nächsten Sektion thematisierte die Medizinhistorikerin
SUSANNE MICHL (Berlin) Zuschreibungen im Ersten Weltkrieg, die den Arzt
als charismatischen Wunderheiler sahen. Sie verdeutlichte die sich im
Weltkrieg vollziehende Verflechtung von religiösen und
säkularen Heilpraktiken und -ideen. DIETHARD SAWICKI
(Paderborn) analysierte die Versuche des Biologen Wilhelm Reich von
1930 bis 1950, das „Wunder des Lebens“ unter dem
Mikroskop ausfindig zu machen und mithilfe der kosmischen Energie
„Orgon“ das Wetter zu beeinflussen. Reichs
Experimente und Theorien, obgleich heute bizarr anmutend, waren auf
vielfache Weise mit zeitgenössischen Debatten
verknüpft. An Reich, so Sawicki, zeige sich exemplarisch die
Verwobenheit von naturwissenschaftlichen und spirituellen Fragen.
In der Sektion „Nachkriegswunder“ analysierte die
Theologin RAJAH SCHEEPERS (Hannover) die Rede vom Wunder in einem
Diakonissenmutterhaus in Hannover und lieferte einen Beleg für
die Persistenz des Begriffs auch im protestantischen Kontext.
GÜNTER RIEDERER (Marbach) nahm sich anhand von Industriefilmen
des Volkswagenwerkes die visuelle Ikonographie des
„Wirtschaftswunders“ vor – dem wohl
eindrücklichsten Beispiel für die Rede von einem
säkularisierten Wunder in der Geschichte der Bundesrepublik
Deutschland.
Aus archivhistorischer Perspektive näherte sich UWE
SCHELLINGER (Freiburg) dem Thema. Er erläuterte die
Sammlungstätigkeit des Instituts für Grenzgebiete der
Psychologie und Psychohygiene (IGPP) in Freiburg, seit den
1950er-Jahren die wichtigste deutsche Anlaufstelle für
Menschen mit so genannten Psi-Erfahrungen. Zugleich rief er zu einer
intensiveren Nutzung der umfangreichen Bestände zu
parapsychologischen Erfahrungen auf, die einzigartige kulturhistorische
Einsichten böten. Danach stellte MARKUS HERO (Bochum) aus
religionssoziologischer Sicht den Umgang mit Wundern in
Esoterikangeboten und Charismatischer Bewegung einander
gegenüber. Er stellte die im Anschluss zu Recht viel
diskutierte These auf, dass Wunder aufgrund der besonderen
Vergemeinschaftungsform in charismatischen Gemeinschaften eine
größere Rolle spielten als in der
marktförmig organisierten Esoterik, weil die Unverbindlichkeit
der Marktbeziehungen dort eine Systematisierung und Ausarbeitung
außeralltäglicher religiöser Ideen nur
schwer zulasse. In der Esoterik stehe nicht die Hoffnung auf ein
wundersames Eingreifen von außen, sondern die Arbeit am
Selbst im Vordergrund. Zustimmung fand seine Beobachtung, dass Wunder
immer kommunikativ generiert werden und Mittel der Vergemeinschaftung
sind.
„Virtuelle Wunderwelten“ waren der Gegenstand der
letzten Tagungssektion. HENDRIK PLETZ (Köln) thematisierte die
Entzauberung des Phantastischen in der pädagogischen
Diskussion über Zombievideos der 1980er-Jahre. Er stellte dar,
wie Pädagogen durch die Aufklärung über die
filmischen Effekte und deren praktische Nachahmung, die bedrohliche und
wundersame Fiktion des Horrorfilms zu bannen und entzaubern versuchten.
CHRISTIAN HOFFSTADT (Karlsruhe) erörterte die
„Fordisierung“ von Wundern und Magie im
Onlinerollenspiel „World of Warcraft“. Dieser
Beitrag verdeutlichte, dass der Wunderbegriff die Differenzierung
‚virtuell vs. real’ transzendiert, da die in der
Spielwelt inszenierten Vorstellungen von Magie, Transformation und Tod
auch im Alltagsbewusstsein vieler Spieler Raum greifen.
Die Tagung wurde abgeschlossen durch den Gesamtkommentar von MARTIN
BAUMEISTER (München). Er argumentierte, dass die scheinbar
heterogenen Beiträge, sei es über
Marienerscheinungen, Tiefseetaucher oder Computerspiele, eng
aufeinander bezogen werden können. Er unterstützte
Gabriela Signoris Appell, von eindimensionalen Epochenbegriffen und
Periodisierungskategorien Abstand zu halten. Daraufhin verwies Martin
Baumeister auf das zentrale Problem der Tagung: die
Wunder-Begrifflichkeit. Es lassen sich zwei Bedeutungen unterscheiden:
zum einen das religiöse Wunder (altgr. teras, lat. miraculum,
engl. miracle), das Unerklärliche, Erhoffte, das oft mit einem
Bezug auf Transzendenz verbunden ist. Zum anderen das säkulare
Wunder (altgr. thauma, lat. mirabilium, engl. wonder/marvel), das
Staunenerweckende, Ästhetische, Sensationelle,
Unerhörte, bei dem ein Bezug auf Transzendenz nicht unbedingt
notwendig ist. Trotz seiner Unschärfe sei es allerdings nicht
sinnvoll, den Wunderbegriff gänzlich aufzugeben. Vielmehr
läge dessen Produktivität gerade darin,
binäre Kategorisierungen (heilig vs. profan, diesseitig vs.
jenseitig, real vs. virtuell usw.) auszuhebeln und zu
überbrücken. Es gelte, Wunder als Metapher und Wunder
als Erfahrung zusammenzubringen. Besonders ergiebig habe es sich dabei
erwiesen, Orte und Zeiten von Wundern genau zu identifizieren und nach
gesellschaftlichen Resonanzböden zu fragen, die diese erst
ermöglicht hätten.
Insgesamt handelte es sich um eine überaus anregende Tagung,
die hielt, was sie versprach. Besonders ihre
Interdisziplinarität wurde von den Teilnehmern als positiv
hervorgehoben: Neben Historikern kamen Theologen, Religionssoziologen,
Kulturwissenschaftler, Soziologen, Literaturwissenschaftler,
Wissenschaftshistoriker, Ethnologen und Philosophen zu Wort. Das
angesichts dieser Vielfalt anfänglich befürchtete
Zerbröseln der Leitthematik trat nicht ein. Der zustimmende
oder ablehnende Bezug zur stets präsenten These, dass der
Wundertopos seinen funktionalen Ort auch in der Moderne hat –
und zwar trotz seiner offensichtlich religiösen Konnotation
auch in dezidiert säkularen Kontexten –, stellte
eine Klammer dar, die alle Beiträge und Blickwinkel
erfolgreich zusammenhielt.
Patrick Diemling, Institut für Religionswissenschaft,
Universität Potsdam
Tagungsbericht
bei HSOZKULT