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Eine Geschichte der Tiere — eine Geschichte der Gefühle
Historische Perspektiven auf das 18. bis 20. Jahrhundert
Berlin, 22.-23. Mai 2010
Konzept und Organisation:
Pascal Eitler, Maren Möhring und Aline Steinbrecher
Die Tagung versucht zwei in den letzten Jahren
rasant an Profil gewinnende Themenbereiche der
Kulturgeschichtsschreibung erkenntnisfördernd in Beziehung zu
setzen: die Geschichte der Tiere und die Geschichte der Gefühle.
Gezielt werden die „Animal Studies“ dabei mit
emotionshistorischen Fragestellungen konfrontiert – denn
üblicherweise ist die Thematisierung oder Problematisierung von
Gefühlen innerhalb der „Animal Studies“ eher moralisch
orientiert als historisch perspektiviert. Insofern es dabei auch um
eine möglichst breite Kontextualisierung von
Mensch-Tier-Verhältnissen gehen soll, kommt wissenschafts- und
körpergeschichtlichen Zugängen in diesem Rahmen jedoch eine
ebenso große Rolle zu wie politik- oder medienhistorischen.
Betonen möchten wir in diesem Zusammenhang nicht nur die
Historizität und Performativität von
Mensch-Tier-Verhältnissen, sondern auch die Historizität und
Performativität von Emotionen. Die mögliche Bedeutung von
gesellschaftlich überaus wandelbaren Mensch-Tier-Unterscheidungen
für die Geschichte der Gefühle, nicht zuletzt für die
Definition einer Emotion, ist bislang nur sehr selten eingehender
untersucht worden.
Im Zentrum unseres Interesses steht dabei die sich wandelnde Bedeutung
von Emotionen für unterschiedliche Beziehungsformen von Menschen
und Tieren zwischen dem 18. und dem 20. Jahrhundert – sei es mit
Blick auf „Haustiere“ in der Großstadt,
Tierversuchslaboratorien, Kameradschaftsdiskurse oder die sogenannte
„Schächtfrage“, sei es in Hinsicht auf geläufige
oder gegenläufige Mensch-Tier-Unterscheidungen und eine zunehmend
fraglich gewordene Differenzierung zwischen Emotion und Kognition.
Ausgerichtet wird die Tagung vom Forschungsbereich „Geschichte
der Gefühle“ am Max-Planck-Institut für
Bildungsforschung in Berlin in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis
„Geschichte+Theorie“.
Die wissenschaftliche Leitung haben Dr. Pascal Eitler (Berlin), Dr.
Maren Möhring (Köln) und Dr. Aline Steinbrecher
(Zürich).
Interessierte Kolleginnen und Kollegen bitten wir um eine kurze
Anmeldung bis zum 10. Mai 2010 unter folgender E-mail-Adresse:
rampolokeng@mpib-berlin.mpg.de. Die Platzzahl ist begrenzt.
Programm
Samstag 22.05 2010
10.00
Begrüßung und Einführung
Pascal Eitler, Maren Möhring und Aline Steinbrecher
10.15 - 12.15
Geschichte der Gefühle und Animal Studies
Monique Scheer: Von emotionology und emotives —
Ein kurzer Überblick über neuere theoretische Ansätze
in der Emotionsgeschichte
Rainer Wiedenmann: Die soziologische Frage nach
dem Tier: eine Fährtensuche
Clemens Wischermann: Kommentar
Diskussion
14.15 - 16.15
Ambivalente Emotionen — ein historischer und
philosophischer Überblick
Jutta Buchner-Fuhs: „Positive“ Emotionen in Mensch-
Tier-Verhältnissen
Paul Münch: Kommentar
Diskussion
16.45 - 18.30
Wissenschaftliche Deutungsmuster und politische
Repräsentationen
Eva Johach: Staatsbildung ohne Gefühle?
Zur Auseinandersetzung mit Insektengesellschaften
aus wissenschaftshistorischer Perspektive
Niels Werber: Zur Entdifferenzierung von
Mensch-Tier-Unterscheidungen in der Kybernetik
Mitchell Ash: Kommentar
Diskussion
Sonntag 23.05 2010
09.00 - 11.00
Schaulust: Menschen und Tiere visualisieren
Isabell Otto: Haustiere im Fokus der Amateurkamera
Massimo Perinelli: Visuelle Lust und tierische Liebe
Benjamin Bühler: Kommentar
Diskussion
11.15 - 13.15
Zur Moralisierung und Therapeutisierung von
Mensch-Tier Verhältnissen
Shai Lavi: Schächten. Leid und Mitleid (18.-20. Jhd.)
Pascal Eitler: Normalisierte Tiere? Mensch-Tier-
Verhältnisse zwischen politischen Ansprüchen und
therapeutischen Maßnahmen
Uffa Jensen: Kommentar
Diskussion
14.15 - 16.30
Intimität — Tiere als „Familienmitglieder“ und
„Kameraden“
Aline Steinbrecher: „Beziehungspartner“ und
„Tierpersonen“ - Die Rolle des Hundes in der
bürgerlichen Familie (1750-1850)
Maren Möhring: „Kamerad Tier“ im nationalsozialistischen
Deutschland. Ein Gegenkonzept zum
Familientier
Simone Derix: Kommentar
Diskussion,
Schlussdebatte und Verabschiedung
Tagungsbericht
„As long as it leaves unquestioned the humanist schema of the knowing subject who undertakes such a reading, then it sustains the very humanism and anthropocentrism that animal studies sets out to question“, brach Cary Wolfe unlängst eine Lanze für eine ‚posthumanistische‘ Forschung am Beispiel des Tieres.[1] Dass die Forderung nach einer Perspektive außerhalb des anthropozentrischen Paradigmas weder leicht zu erfüllen ist, noch auf einheitliche Zustimmung in den Kultur- und Geschichtswissenschaften stößt, zeigte die Konferenz „Eine Geschichte der Tiere – eine Geschichte der Gefühle“, die vom 22. bis 23. Mai 2010 stattfand. Austragungsort war das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Die Konferenz, an der etwa 40 HistorikerInnen, AnthropologInnen und MedienwissenschaftlerInnen teilnahmen, stellte einen innovativen Versuch da, zwei neue Forschungsbereiche, die derzeit noch im Begriff sind, ihre Grundlagen auszuloten, produktiv in Bezug zu setzen. In sechs schlüssig strukturierten Panels wurden Methoden und Theorien diskutiert sowie ein Überblick über bisherige Ergebnisse der Tiergeschichte geleistet und kommentiert.
Die erste Sektion machte Ansätze und Definitionen der Emotionsgeschichte und der Animal Studies zum Thema. MONIQUE SCHEER (Berlin) skizzierte Methodenprobleme der Gefühlshistoriographie, indem sie sich dem Problem der Lokalisierung und Sichtbarkeit von Gefühlen widmete. Sie stellte dar, inwiefern sozialkonstruktivistische Modelle und Ansätze der Ethnologie, der Geschichtswissenschaften und der Psychologie Emotionen bisher nach ‚inneren‘/‚privaten‘ und ‚äußerlichen‘/‚öffentlichen‘ Gefühlen unterschieden und damit einen Gegensatz von Gefühlserfahrung und Gefühlsausdruck konstruierten. Dabei setze man die Dichotomie von Geisteswissenschaften versus Naturwissenschaften fort, die eigentlich überwunden werden solle. Scheer gelangte zu dem Schluss, die Kulturwissenschaften sollten Gefühle nicht als naturgegeben betrachten, sondern sich ihnen auf zweierlei Arten nähern: über die Begriffsgeschichte und Sprachtheorie oder über einen praxistheoretischen Zugang, der Emotionen als gelernte sowie körperliche und gedeutete Performanz versteht.
Dass es sich bei der Erforschung der Rolle von Tieren in der Geschichte nicht um ein ‚Orchideenthema‘ handelt, sondern um eine entscheidende Kategorie der Kulturwissenschaften, stellten MAREN MÖHRING (Köln) und PASCAL EITLER (Berlin) in ihrer Herleitung theoretischer Zugänge dar. Sie widmeten sich der Frage nach der Möglichkeit, Tieren Akteursstatus zuzuschreiben und plädierten – unter Bezug auf Giorgio Agamben – dafür, Subjektivierungsprozesse und -techniken zu historisieren. Unter Rückgriff auf Donna Haraway konzipierten sie die Mensch-Tier-Geschichte im Sinne einer ‚entangled history‘ und als Körpergeschichte. In Auseinandersetzung mit Bruno Latours Akteur-Netzwerk-Theorie argumentierten sie für eine heuristische Unterscheidung zwischen Mensch und Tier. Eine Geschichte der Menschen und Tiere, schlossen sie, sei nicht in erster Linie eine Geschichte der Repräsentationen, sondern eine Gesellschaftsgeschichte, die die Performativität stärker in den Blick rücke.
Eine Brücke zwischen Theorie und Empirie schlug als erste JUTTA BUCHNER-FUHS (Jena) in ihrem Beitrag über ‚positive‘ und ‚negative‘ Emotionen im Mensch-Tier-Verhältnis. In ihrem Überblick über kulturelle Praktiken im Umgang mit Tieren im 19. Jahrhundert unterschied sie zwei Arten, nach denen sich Menschen Tiere emotional zunutze machten. Anhand mehrerer Beispiele zeigte sie, dass Tiere einerseits als Spiegel des menschlichen Selbst gedeutet werden, andererseits als ‚reale‘ Lebewesen in der Verflechtung von Mensch und Lebendtier, das aus der Verbindung von Kultur und Biologie besteht, agierten.
Eine wissenschaftshistorische Perspektive auf die Geschichte der Emotionen lieferte EVA JOHACH (Trier). Sie gab Einblicke in die politische Zoologie, ein Begriff zur Untersuchung historischer Metaphern und Vergleiche, die Tiere in einen politischen Bezug setzten. Johach interessierte sich für die Mensch-Tier-Differenzierung in der naturwissenschaftlichen Beschäftigung mit Insektenstaaten. Unter den Vertretern der ‚Vergleichenden Psychologie‘ des 19. Jahrhunderts entstanden im Hinblick darauf zwei Entwicklungstheorien. Die Menschheit wurde dabei jeweils als Höhepunkt, aber Produkt aller tierischen und menschlichen Entwicklungsstufen angesehen. Der Forscher Carl Gustav Carus interpretierte während der Romantik den Insektenstaat als unbewusstes, instinktives Modell der menschlichen, bewussten Staatsbildung. Der Postdarwinist George Romanes verfasste dann in den 1880er-Jahren eine umfassende Evolutionstheorie mentaler Prozesse, wonach bereits niedrig stehende Tiere über graduelle Vernunft und Gefühle verfügen, die sich bis zum Menschen ausdifferenzieren.
Im Panel ‚Schaulust: Menschen und Tiere visualisieren‘ rückte das Tier als zeitgenössisches mediales Objekt und Subjekt in den Vordergrund. Unter dem Titel ‚Haustiere im Fokus der Amateurkamera‘ thematisierte ISABELL OTTO (Konstanz) performative Praktiken des Amateur-Familien-Films am Beispiel der Darstellung der Katze im ‚Social Web‘.[2] Sie erklärte, wie beispielsweise auf YouTube ein Interaktionsfeld zwischen Menschen, Haustieren und Kameras hergestellt wird und inwiefern den Tieren dabei ‚agency‘ zugeschrieben werden könne, wenn man sie als Teil eines bio-sozialen Netzwerks in Internetforen anerkenne.
MASSIMO PERINELLI (Köln) betonte in seinem Vortrag ‚Visuelle Lust und tierische Liebe‘ das Missverhältnis von steigendem privatem Interesse an Tierliebe und -pornographie im Spielfilm und der Scheu der Kulturwissenschaftler, ein solches Thema zu analysieren. Mit Bezug auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts und in Anlehnung an Jacques Lacan und an die feministische Filmtheorie interpretierte er den Blick auf das Leinwand-Tier als hierarchisierende und geschlechtlich konnotierende Handlung. Im Anschluss konstatierte Perinelli anhand von zeitgenössischen Filmausschnitten drei Formen der imaginierten Tierliebe: das anerkannte ödipalisierte Tier in der bürgerlichen Familie, die Freundschaft zwischen Mensch und Tier und die tabuisierte erotische Liebe zum Tier.
In der Sektion zur ‚Moralisierung und Therapeutisierung von Mensch-Tier-Verhältnissen‘ sprach SHAI LAVI (Tel Aviv) über die Spannungen zwischen jüdisch-konservativen, jüdisch-mystischen und christlichen Perspektiven auf die Praxis des Schächtens vom 18. bis 20. Jahrhundert in Deutschland. Der Reformversuch des jüdischen Kabbalameisters Rabbi Natan Adler, das Schächtmesser besser zu überprüfen, war im 18. Jahrhundert Ausdruck der mystischen Annahme einer Identität von menschlichem und tierischem Leiden. Lavi zeigte, dass die moralisch und emphatisch geführte europäische Tierschutzdiskussion des späteren 19. Jahrhunderts als eine säkularisierte Version einer vorhergegangenen spiritualistischen Theologie aufzufassen ist. Die deutsche, nicht-jüdische Polemik gegen das Schächten in der Kaiserzeit jedoch hatte ihren Ursprung in der frühneuzeitlichen Hebraika-Literatur, in der ein zunehmend rationalisierender Blick die „Merkwürdigkeiten“ jüdischer Lebensweisen anthropologisch um- und fehlinterpretierte und mit scheinbar vernünftigen Argumenten den christlichen Käufern das Fleisch der jüdischen Schächter zu verleiden suchte.
Den Normalisierungen (im Foucaultschen Sinne) des Mensch-Tier-Verhältnisses, die sich im 19. und 20. Jahrhundert vollzogen, widmete sich PASCAL EITLER. Er machte deutlich, dass das menschliche Gefühl des Mitleids in den Tierschutzdebatten und dem Vivisektionsstreit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts moralische Dignität und politische Relevanz erlangte. Während der Handlungsrahmen von Tieren in jenen Diskursen beschränkt gewesen war, gerieten seit den 1970er-Jahren nicht nur die therapeutischen Effekte von Tieren auf menschliche Gefühle, sondern auch die Emotionen besonders von Haustieren in den Fokus medialer Aufmerksamkeit. Dabei kam es Eitler zufolge zu einer Normalisierung von menschlichen und tierischen Gefühlen, während die ‚subjektivierten‘ Tierarten an Handlungsmöglichkeiten gewannen. Emotionen von Menschen und Tieren ließen sich in diesem Sinne nur in ihrer Performativität fassen.
Ein Gegenkonzept zum ‚Familientier Hund‘ im Bürgertum stellte der ‚Kamerad Tier‘ im nationalsozialistischen Deutschland dar, dem sich MAHREN MÖHRING widmete. Ausgehend von der adjektivischen Dichotomie ‚wild‘ und ‚domestiziert‘, die Kulturkonzepte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts durchzog, rekonstruierte sie die Stilisierung des Heim- und Arbeitstieres Hund in medienwirksamen Kontexten. Im Rahmen einer Analyse von Fotografien machte Möhring deutlich, inwiefern zugeschriebene Eigenschaften wie ‚natürliche Instinktsicherheit‘ und Gehorsamkeit im Dritten Reich zu einem Ideal verbunden wurden.
Die Konferenz zeigte, welch vielfältige Erkenntnisse eine Geschichte der Tiere hervorbringen kann. ReferentInnen, KommentatorInnen und sonstige Anwesende waren zum Teil unterschiedlicher Meinung über das Ausmaß, in dem Tieren Wirkungsmacht zugeschrieben werden kann und soll. Es wäre wichtig, diese Grundsatzfragen weiter zu diskutieren und anhand von Beispielen zu präzisieren. In der Abschlussdiskussion wurde die Anregung vorgebracht, die Verbindung von Tier- und Emotionsforschung noch stärker und möglicherweise interdisziplinär auszubauen.
Bericht von:
Julia Breittruck, Bielefeld Graduate School in History and Sociology (BGHS), Universität Bielefeld
Tagungsbericht
bei HSOZKULT